Die lange Nacht der Tyrannei /
wird nicht enden /
ohne Kampf /
und ohne Einsatz großer Mühen.

Diese Verse stammen aus einem Gedicht von Ahlam al-Nasr, einer jungen Syrerin Anfang 20, die man als Hofdichterin des "Islamischen Staates" bezeichnen kann. In einem exzellent recherchierten Artikel haben sich kürzlich Robyn Creswell und Bernard Haykel im New Yorker mit der Dichtung und Prosa von Ahlam Al-Nasr befasst, deren Œuvre Hunderte Seiten umfasst. Terrorexperten ignorierten Texte dieser Art oft, schreiben sie, "aber das ist ein Fehler": Poesie gehöre zum Kern dschihadistischer Kultur. Die beiden Autoren verweisen auf die Gedichte Osama bin Ladens und zahlreiche weitere Beispiele.

Creswell und Haykel haben recht. Auch wer die Propaganda des "Islamischen Staates" erkunden will, kommt an Dichtung und zumal an der von Ahlam al-Nasr nicht vorbei. Die Dichterin wird oft zitiert, etwa auf Twitter oder Facebook; Anhänger des IS vertonen ihre Verse. Mehrere Hymnen auf das Kalifat und seine Führer sind so bereits entstanden.

Arabisch ist die Lingua franca im IS-Kalifat ebenso wie in der globalen Dschihadisten-Szene, Dichtung ist ein Genre, das tief verankert ist in der arabischen Kultur. Im Westen nehmen wir vor allem die blutrünstigen Horrorvideos wahr, die der IS produzieren lässt. Ahlam al-Nasrs Verse gehören aber ebenso zur Propaganda-Maschinerie der Gotteskrieger.

Das ist der erste Befund: Die Bandbreite der IS-Propaganda ist enorm. Diese Spreizung von arabischen Versen in klassischer Metrik bis hin zu Schreckensvideos mit Hollywood-artigen Schnitten zeugt von einer erstaunlichen multikulturellen Schwarmkompetenz. Der IS spricht verschiedene Klientelen mit maßgeschneiderten Angeboten an. Ob sie unberührt von der Globalisierung in einem jemenitischen Bergdorf aufwuchsen oder im Gemisch der Subkulturen einer Pariser Banlieue: Für jeden potenziellen Anhänger des Kalifats existiert ein Anknüpfungspunkt.

Und noch ein weiterer Adressatenkreis wird in seiner eigenen kulturellen Sprache angesprochen: der Feind im Westen. Wenn der IS sich an uns wendet, tut er dies so, dass wir ihn auch verstehen: auf Englisch, Deutsch und Französisch; in Reden, die jenen nachempfunden sind, die unsere Politiker halten; in Filmen, die absichtsvoll unsere Tabus und Ängste aufgreifen.

So weit die Darreichungsformen. Wie aber steht es um die Inhalte? Einschlägige Definitionen verlangen, dass Propaganda systematisch sei. Dass sie manipuliert, indem sie nur eine Auswahl der Realität zulässt. Und lügt, wo die Wirklichkeit sich dem Wunschbild verweigert.

Der kleinste gemeinsame Nenner der IS-Propaganda ist diese Parole: "Der Islamische Staat – er bleibt!" Geboren als Schlachtruf während der Einnahme mehrerer Städte in Syrien und im Irak, funktioniert die Losung nach innen und nach außen: als Selbstvergewisserung und zugleich als Drohung. Sie ist Teil der Erzählung von der angeblichen Wiedergeburt eines wahrhaft islamischen Gemeinwesens seit der ersten Generation von Muslimen vor über 1.400 Jahren.

Abgesehen davon, herrscht ein recht eingeschränktes Maß an Kohärenz – bei einer aus Ex-Baathisten, arabischen und europäischen Dschihadisten sowie lokalen Kämpfern zusammengewürfelten Truppe kaum verwunderlich. Es handelt sich eher um Trial-and-Error-Propaganda: Alles wird ausprobiert. Mal geht es vor allem um das Versprechen des künftigen Einzugs ins Paradies; mal brüstet sich der IS, ganz weltlich, mit seiner real existierenden Behörde für Verbraucherschutz.

Jüngst veröffentlichte der IS sogar eine Art Lehrvideo mit dem Titel Medienmann, auch Du bist ein Kämpfer! Darin heißt es, schon Moses und Mohammed hätten die Medien genutzt, "um den Feind zu erschüttern". Heute verbreiteten die westlichen Medien "schlechte Nachrichten über die Freiheitskämpfer", und deren Aufgabe sei es, "dies zu korrigieren". Für den IS fallen Journalismus und Propaganda also zusammen. Sie voneinander zu unterscheiden: sinnlos.

Deshalb ist es auch weniger irritierend, als man meinen könnte, wenn der IS in demselben Video dazu aufruft, in der eigenen "Medienarbeit" die Nachrichten "nicht zu verfälschen, nichts hinzuzufügen oder wegzulassen": Es geht dem IS natürlich nicht um wahrheitsgetreue Berichterstattung, wohl aber um Authentizität als Voraussetzung der Gegenpropaganda: Der Westen sagt, im Kalifat hungerten die Menschen? Wir zeigen Bilder von sich biegenden Markttischen! Die internationale Allianz verkündet, wir seien militärisch in der Defensive? Die tägliche IS-Radiosendung überträgt nur Aufnahmen von IS-Offensiven!

Der IS lügt also durch Auslassung (etwa der Schlange stehenden Hungernden anderswo im "Kalifat"). Deshalb wäre es zu kurz gegriffen, jedes Kommuniqué der Dschihadisten per se als gefälscht oder geschönt unter Verdacht zu stellen. Die transportierten Inhalte können wahr sein und sich erst im Kontext als Lüge konstituieren. (Allerdings lügt der IS mitunter auch auf plumpe Weise, wenn er zum Beispiel Anschläge für sich reklamiert, die andere begangen haben.)

Für die nach innen gerichtete Propaganda, die vor allem aus Werbung für das "gesegnete" Kalifat besteht, setzt der IS weniger Ressourcen ein als für die Selbstdarstellug nach außen. Mit Letzteren will er in die Medien gelangen, um das Bild des IS zu beeinflussen. Und um mögliche Rekruten zu beeindrucken. Das funktioniert nicht mit Poesie. Dafür braucht es spektakuläre Bilder.

In den Medienabteilungen des IS entstehen zu diesem Zweck aufwendige Videos, teils in Spielfilmlänge. Der Filmwissenschaftler Bernd Zywietz, der über "Terrorismus und Film" promoviert, spricht von einer "gestalterischen Professionalität, die eine stilistische Sprache aufweist, die den aktuellen ästhetischen Standards des Fernsehens, von Spiel- und Werbefilm entspricht". Westliche Rekruten mit entsprechenden Qualifikation finden hier ein Betätigungsfeld im "Kalifat".

Für die Verbreitung der Links zu diesen Filmen und anderen Botschaften sind wiederum Soziale Netzwerke zentral – ein Heer von ehrenamtlichen Helfern steht dafür bereit. Nach Schätzungen gibt es allein bei Twitter 40.000 Accounts entsprechender Ausrichtung. Auf diese Weise entsteht ein Propaganda-Dauerfeuer, 24 Stunden täglich. Seine Wirkung ist mörderisch.