Wenige Tiere lösen beim Menschen so viel Zorn aus wie der Maulwurf, was unter anderem daran liegt, dass er unter strengem Naturschutz steht, während für den Rasen, den er in wenigen Wochen zerstört, ein vergleichbarer Schutz nicht besteht. Ohnmacht und Verzweiflung sind die Gefühle des Gärtners; der Maulwurf dagegen, der sich von keinem der erlaubten Vertreibungsmittel beeindrucken lässt, schwelgt in Größenwahn und Allmachtsfantasien.

Erdhaufen an Erdhaufen reihen sich auf der ehemals glattgrünen Fläche. Wenn man die Haufen nicht sofort abträgt (jeweils gut eine Schubkarre voll), entstehen kreisrunde Kahlstellen, die den Rasen pockennarbig aussehen lassen und bei Regen in eine Fläche voller Schlammlöcher verwandeln. Trägt man die Haufen aber sofort ab, fehlt die Erde im Untergrund, und der Rasen wird zur Buckelpiste; außerdem nisten sich Wühlmäuse ein, die das Gangsystem des Maulwurfs gerne nutzen, um sich an Blumenknollen, Gemüsen und Wurzeln gütlich zu tun. Ein ökologisch eingeschüchterter beziehungsweise streng gesetzeskonform agierender Gärtner kann also nur der Vernichtung zuschauen – beziehungsweise der Natur zurückgeben, was er ihr einst mühsam abgerungen hat.

Kälte und Bitterkeit im Gärtnerherzen steigern sich noch bei Lektüre der einschlägigen Broschüren, die klarzumachen versuchen, wie nützlich der Maulwurf als Insektenvertilger sei. Offenbar erstreckt sich der Naturschutz nicht auf die Insekten, für die der Maulwurf genau jenes Tötungsinstrument darstellt, das gegen ihn selbst nicht eingesetzt werden darf. Was darf gegen ihn überhaupt eingesetzt werden? Nur sogenannte Vergrämungsmittel. Man spricht zum Beispiel davon, dass kleine Windräder, wenn man sie nicht ölt, ein Quietschen erzeugen, das dem Maulwurf unschön vorkommt. Die Wahrheit ist: Der Maulwurf lässt sich nicht vergrämen. Er ist ein Sportsmann, der an seinen Herausforderungen wächst. Das Einzige, was er wirklich scheut, ist das Licht der Öffentlichkeit. Unter der Erde ein herkulischer Arbeiter, der mühelos das Dreißigfache seines Körpergewichts an Erde schiebt und stemmt, ist er bei Tage, als Gefangener etwa in einem Eimer betrachtet, schüchtern, unscheinbar und nur bestrebt, schnell wieder ins Dunkel zu entkommen. Vom Herauskippen aus dem Eimer bis zum spurlosen Verschwinden unter Tage vergehen rund zehn Sekunden.

Der Maulwurf ähnelt darin manchen Angestellten großer Konzerne, die im Verborgenen gewaltige Schmutzarbeit erledigen (Betriebsräte schikanieren, Kunden bestechen, Aktionäre erpressen), aber im Neonlicht eines Vernehmungszimmers ganz und gar devot, grau und verhuscht wirken. Ihre satanische Begabung sieht man ihnen ebenso wenig an, wie man sie Adolf Eichmann angesehen hätte, wenn nicht hie und da dieses gewisse diabolische Zucken um die Mundwinkel herum gewesen wäre. Kaum hat man indessen den Firmendetektiv oder Justiziar beziehungsweise Maulwurf wieder in die unterirdischen Gänge entlassen, geht das Zersetzungswerk mit unverminderter Energie weiter. Die Frage ist natürlich, ob das Schikanieren von Angestellten auf ähnliche Weise unter den Betriebsschutz fällt wie das Rasenvernichtungswerk des Maulwurfs unter den Naturschutz. Als sicher gilt nur, dass Maulwürfe zu fangen und in einem Eimer zu betrachten verboten ist, während Firmendetektive durchaus einem polizeilichen Blick ausgesetzt werden dürfen, aber nicht in einem Eimer.

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