Die Amerikaner kommen, und für Marco Ferrer Gonzalez sind sie schon jetzt das Geschäft seines Lebens. Der Enddreißiger steht im Foyer des Habana-Libre-Hotels und schwenkt ein iPhone in der Hand, am Ringfinger baumelt sein Autoschlüssel. "Die großen US-Firmen sind längst alle hier, die Kreuzfahrtgesellschaften, Reisebüros, Nahrungsmittelfirmen", sagt er. "Jetzt kommen die Einzelpersonen zum Geschäftemachen."

Gonzalez ist ein stämmiger Mann, der gepflegte Schuhe zur Business-Kombination trägt und Pioniere aus Amerika berät, einzelne Reisende meist, die sich in Kuba nach Geschäftsmöglichkeiten umsehen. Das ist nicht seine offizielle Tätigkeit, deshalb soll sein richtiger Name auch nicht in der Zeitung stehen, offiziell ist Gonzalez Fremdenführer.

Doch seit Jahresbeginn überschwemmen US-amerikanische Touristen die Insel, "und unter denen sind manche, die ein Aktenköfferchen mitbringen und am Rande einen Termin bei einem Anwalt, Immobilienmakler oder bei der Import-Export-Agentur der Regierung machen wollen", sagt Gonzalez. Die Leute sind magisch angezogen von einem neuen Markt mit elf Millionen Menschen, bloß 90 Meilen von der US-Küste entfernt.

Inzwischen haben Kuba und die USA zum ersten Mal seit 1961 wieder offizielle Beziehungen aufgenommen. Großes Aufhebens aber sollte darum nicht gemacht werden. Sprecher des US-Außenministeriums betonten, dass nur eine "sehr begrenzte Zahl von Teilnehmern aus der US-Administration" zur Eröffnung der kubanischen Botschaft in Washington gekommen waren. Vor der neuen amerikanischen Botschaft in Havanna wurde noch nicht mal eine US-Flagge gehisst.

Auch auf kubanischer Seite hielt man sich bedeckt. Kubas Staatschef Raúl Castro erklärte, von "normalen" Beziehungen könne man erst sprechen, wenn die USA ihr jahrzehntealtes Wirtschaftsembargo gegen sein Land aufgäben.

Im Gegensatz zu dem vorsichtigen Taktieren der Diplomaten und Staatschefs stehen die wirtschaftlichen Erwartungen. Was passiert, wenn ein Elf-Millionen-Einwohner-Land mit schwacher Infrastruktur und chronischem Geldmangel sich einem Nachbarn öffnet, der 320 Millionen Einwohner zählt, von denen jeder im Durchschnitt siebenmal mehr verdient als der Durchschnittskubaner? Kehren vorrevolutionäre Zustände zurück, als sich die kubanische Wirtschaft fest in der Hand großer US-amerikanischer Konzerne und Mafiosi befand? Und Havanna eine dekadente Spielwiese für amerikanische Touristen war? Öffnen in Kuba bald an jeder Ecke Hamburger-Restaurants?

Doch in Wirklichkeit ist mit einer raschen Öffnung der kubanischen Wirtschaft zum großen Nachbarn derzeit nicht zu rechnen. Und noch weniger mit einer Übernahme Kubas durch die USA.

Der Grund dafür klingt paradox: Es sind die kubanischen Wirtschaftsreformen, die bereits im Jahr 2006 begannen, als der strenge Revolutionsführer Fidel Castro, heute 90, die Geschäfte an seinen sechs Jahre jüngeren Bruder Raúl übergab. Ebendiese Reformen aber verlangen von Raúl jetzt ein ganz besonders vorsichtiges Vorgehen.

In Wirtschaftsfragen äußert er für einen kommunistischen Staatsratsvorsitzenden erstaunliche Sätze. Mal wettert er über "bürokratische Barrieren", die der Entfaltung der kubanischen Wirtschaft im Wege stünden, schuld daran sei der überwachungswütige Staatsapparat. Dann geißelt er den Umstand, dass subventionierte Grundnahrungsmittel an alle Haushalte verteilt werden, als "inakzeptable Belastung der Wirtschaft, die die Menschen vom Arbeiten abhält". Und bereits im Juli 2008 hatte er einer erstaunten Nationalversammlung erklärt: Sozialismus bedeute nicht Gleichheit, "sondern dass alle die gleichen Rechte und Chancen haben".

Der kubanische Staat hat sich aus etlichen Wirtschaftsbereichen zurückgezogen. Regierungsunternehmen garantieren heute nicht mehr Jobs für alle – erst vergangene Woche kündigte Raúl an, dass 24 unrentable Staatsunternehmen geschlossen werden. Hunderttausende Angestellte des öffentlichen Dienstes wurden entlassen, weil die Regierung sich ihre Gehälter nicht mehr leisten will. Trotzdem entwickelt sich nicht alles in Richtung Marktwirtschaft: Eine Reihe großer Staatsbetriebe stellte Raúl unter das straffe Management des Militärs.

Die Wirtschaftsreformen kamen für Raúl schon immer einer Gratwanderung gleich. Einerseits sind ihm Ineffizienz und Mängel des bisherigen Systems bewusst – auch weiß er, dass sein Regime angesichts allzu großer Misswirtschaft zusammenbrechen könnte.

Andererseits will Raúl die Kontrolle des Parteiapparats und des Militärs über Wirtschaft und Gesellschaft nicht allzu stark lockern. Er fürchtet, dass Errungenschaften der Revolution wie die breite Volksbildung verloren gehen könnten. Vielmehr will er Staat und Militär stärken, auf eine Zukunft vorbereiten, in der die Generation der ursprünglichen Revolutionäre nicht mehr lebt.