Es war ein schöner, sonniger Morgen am Strand von St. Peter-Ording, dem größten und schönsten Strand der Nordsee, wie es zumindest die örtliche Tourismuswerbung behauptet. Die Hamburger Künstlerin Chris Herms-Glang genoss den nahezu menschenleeren Strand. Es blies ein auflandiger Wind, erinnert sie sich, und der wehte "große, bunte Nester" an den Strand. "Mir war klar, das musste Plastikmüll sein", sagt sie.

Die Nester faszinierten sie. "Ich gebe es zu, ich fand das Material sehr schön, dieses Strohige, Harte." Ebenso die "superschönen Farben" – leuchtendes Blau, knalliges Orange, sattes Türkis. Was Herms-Glang am Strand von St. Peter-Ording in den Bann zog, waren Reste von Fischernetzen, reißfester Kunststoff, in dem sich Fische verheddern. Dazu wurden die Netze gemacht, auch wenn sie inzwischen andere Tiere das Leben kosten.

Chris Herms-Glang, blond und sportlich, sitzt in einem Atelier in der Hamburger Hochschule für Bildende Künste, schwere Siebdrucktische füllen den Raum, an den Wänden hängen Plakate. Sie studiert Kunstpädagogik im siebten Semester. Es ist ihre zweite Ausbildung, sie ist bereits Grafik-Designerin, hat eine Familie. Vor ihr liegen Perücken in verschiedenen Farben – in leuchtendem Blau, knalligem Orange, sattem Türkis.

Am Strand von St. Peter-Ording habe sie so viel von dem angeschwemmten Plastikmüll in große Ikea-Tüten gestopft, wie sie tragen konnte, erzählt sie. Hier an der Hochschule trennte sie die Knäuel nach Farben. Aus einem Teil knüpfte sie mit einer Teppichnadel dichte Netze, die aussehen wie Badekappen. Darauf befestigte sie Plastikfäden wie Haare. So entstanden ihre einmaligen Perücken, die nicht nur bunt leuchten, sondern auch auf eine dramatische Entwicklung hinweisen.

Dieses leuchtende Blau, Orange und Türkis des Plastiks kennt man auch auf Helgoland. Meeresvögel, die jedes Frühjahr zum Brüten auf die Insel kommen – Eissturmvögel, Basstölpel und Trottellummen –, bauen daraus ihre Nester am berühmten Lummenfelsen. Die Vögel halten das leuchtende Plastik für Tang und Algen. Jedes Jahr strangulieren sich einige von ihnen in den Netzen, darunter frisch geschlüpfte Küken. Niemand kann die Vögel retten, die Gefahr für Kletterer auf dem porösen Buntsandstein wäre zu groß.

Bei der Arbeit habe sie eine "große Spannung" empfunden, sagt die Künstlerin. Das Plastik tötet. Allein deshalb "wirkt der Anblick der Perücken makaber", sagt sie.

Als ihr Werk vollendet war, ging Herms-Glang dorthin, wo sie das Plastik aufgelesen hat: an den Strand von St. Peter-Ording. Zwei Schülerinnen und eine Studentin trugen die Perücken, dazu weiße Overalls oder schwarze Gymnastikanzüge. Die Hamburger Fotografin Adele Marschner, spezialisiert auf "Hair & Beauty", fotografierte. Es entstanden Bilder von verstörender Schönheit.

Auf der Expo in Mailand wurden sie kürzlich zum ersten Mal öffentlich gezeigt, dort geht es um Nachhaltigkeit und das Recht aller Menschen auf gesunde Ernährung. Auf einem der Bilder sieht man eine der jungen Frauen mit einer blauen Perücke auf dem Kopf; sie hat sich in den Sand geworfen und ist liegengeblieben, mit verrenkten Gliedern. Wie ein toter Vogel, der an den Strand gespült wurde.