Ein Schwimmer wird Weltmeister, in Weltrekordzeit. Er ist der erste deutsche Weltmeister seit fünf Jahren. Für die Olympischen Spiele in Rio gilt er als größte Hoffnung. Er ist dort, wo er immer hinwollte, nach all den Jahren der Quälerei: ganz oben.

Und was macht dieser Schwimmer?

Hört mit dem Sport auf und eröffnet eine Eisdiele. Auf St. Pauli, Detlev-Bremer-Straße. Zehn Quadratmeter Fläche, zehn Sorten Eis – die erste Kugel kostet 1,30, jede weitere 1,10 Euro.

Der Schwimmer, der zum Eismann wurde, heißt Markus Deibler. Und Markus Deibler, 25, flucht. Er kann sich kaum bewegen in diesem Auto, das er gerade fährt. Wobei nicht ganz sicher ist, ob dieser Wagen überhaupt als Auto durchgeht. Deibler, 1,97 Meter groß, 102 Kilo schwer, sitzt in einer Piaggio Ape, einem dieser dreirädrigen Wagen, die Mr. Bean berühmt machte, weil er sie mit seinem Mini Cooper immer wieder vom Seitenstreifen schubste.

Markus Deibler hat diesen Wagen gekauft, weil er wenig kostete, Jungunternehmer müssen sparen. Und weil er praktisch ist: Die Ladefläche fasst so viel wie ein Pick-up, zehn Kartons mit Eisbechern etwa. Die hat Deibler gerade geladen, sie müssen etikettiert werden. Deshalb ist Deibler auf dem Weg nach Wandsbek, in den Stadtteil, in dem er jahrelang jeden Tag trainierte. Deibler fährt am Olympiastützpunkt vorbei und biegt links ab, zu einer Behindertenwerkstatt. Dort gibt er die Kartons ab, dort werden sie beklebt. Es ist einer von vier Terminen an diesem Tag.

Die anderen: einen Kühlschrank in einen Kakaofeinkostladen bringen. Drei Paletten Eisbecher am Elbe-Einkaufszentrum anliefern. Ein Gespräch mit einem Food-Truck-Verkäufer führen, der das Eis ins Sortiment nehmen will.

Warum tut sich Deibler das an? Wieso hört er mit etwas auf, was niemand auf der Welt besser kann als er – und beginnt mit etwas, womit er keine Erfahrung hat, womit er, sollte er scheitern, all sein Geld und Ansehen verliert?

"Ich hatte einfach nicht mehr so viel Bock, mich im Becken zu quälen", sagt Deibler.

Sie waren doch so erfolgreich!

"Das Jahr besteht zu 98 Prozent aus Training, und wenn ich da keine Lust mehr drauf hab, was soll ich dann mit so einem Weltrekord?"

Schwimmen Sie noch, wenn Sie Zeit haben? "Gar nicht. Ich habe ein halbes Jahr abtrainiert, damit das Herz nicht zusammenfällt, eine Stunde Mountainbike am Tag."

Hat das Spaß gemacht? "Nee. Ich hätte die Zeit lieber für die Firma genutzt."

Das Ziel: Die Deutschen verlieren ihre Angst vor dem Unbekannten

Sportler gehen nicht in Ruhestand. Sportler entscheiden selbst, wann es Zeit ist, aufzuhören. Den meisten fällt das verdammt schwer. Michael Schumacher kehrte nach seinem ersten Rücktritt in die Formel 1 zurück und fuhr mit 40 noch drei Saisons hinter der Spitze her. Lothar Matthäus spielte mit 38 eine letzte Europameisterschaft, die schlechteste aller Zeiten für eine deutsche Mannschaft. Viele können nicht loslassen, weil sie nicht wissen, was kommt. Trainer? Manager? Oder, wie früher viele Fußballer: in einer Lotto-Bude Schreibwaren verkaufen?

Markus Deibler hörte auch deshalb so früh auf, weil er noch viel früher wusste, was er nach dem Schwimmen machen wollte. 2012, im September, da war er 22, meldete er eine Eisdiele als Gewerbe an. Gemeinsam mit einer Freundin, Luisa Mentele, seiner ehemaligen Mitbewohnerin. Mentele war gerade aus Bologna zurückgekommen, Auslandssemester, jeden Tag hatte sie dort Eis gegessen. Als sie wiederkam, sagte sie zu Deibler: In Italien gibt es Eis, das schmeckt so irre viel besser, und es sind nie die normalen Sorten, so Vanille, Erdbeer, Schokolade. Deibler sagte: Wir machen das Gleiche hier.