Es ist Samstagmittag, in der weiträumigen Altbauwohnung in Berlin-Wedding sitzen alle um den großen Tisch und greifen zu: Frau Gülsel, Herr Hoffmann, Schwester Sultan, Onkel Uğur und natürlich Onkel Musa. Sie sind wie eine Familie und doch nicht miteinander verwandt. Onkel Musa ist der Chef. Ganz früher war er einmal Profiringer. Seine Augen unter dem schwarzen Adidas-Basecap können immer noch strahlen und strafen. Aber er ist ein wenig aus der Zeit gefallen. "Herzlich willkommen", sagt Musa. "Kommen Sie aus Almanya oder aus Österreich?" – "Ich komme aus Berlin. Und Sie, wie lange sind Sie hier?" – "Seit hundert Jahren." – "Wann sind Sie nach Deutschland gekommen, Onkel Musa?" – "1929." – "Und wie alt sind Sie?" – "98."

"Onkel Musa, nimm Hähnchen", sagt Rabia, die blonde Pflegehelferin. Frau Gülsel am anderen Tischende konzentriert sich bereits auf einen Schenkel. Die Parkinsonkrankheit hat über ihren Körper ein Zittern und die Demenz einen Schleier über ihren Geist gelegt, aber sie macht es mit dem Besteck noch immer ganz gut. Sultan gleich neben ihr, erst 33, aber nach einem Schlaganfall im Rollstuhl, genießt die Tarhana-Suppe, das Börek, den Spinat. Zwischendurch prüft sie auf dem iPhone ihren Facebook-Account. Zu zehnt leben sie hier in Wedding, neun Türken, ein Deutscher. Hilfe brauchen sie alle.

"Ich habe mich gefragt: Wie hätte ich meinen Vater und meine Mutter pflegen wollen?", sagt Selviye Spriewald, die Leiterin des türkischen Pflegedienstes Aliacare, der die Wohngemeinschaft betreut. Spriewalds eigene, bereits verstorbene Eltern waren 1969 aus der Türkei nach Deutschland gekommen und hatten stets Mühe gehabt, sich zurechtzufinden. Nach ihrer Krankenpflegeausbildung in Berlin gründete Spriewald dort 2010 die erste türkische Demenz-WG in Deutschland, mittlerweile versorgt ihr Team vier weitere. Die Bewohner gehören überwiegend zu jenen Zuwanderern, die ab Mitte der fünfziger Jahre als Gastarbeiter angeworben wurden und damals Pioniere der Arbeitsmigration waren. Heute sind sie Pioniere des Alterns im Gastarbeiterland. Für ihren Lebensabend in Deutschland hatten die meisten von ihnen keine Pläne und erst recht keine Vorbilder.

Migranten, die in Deutschland alt werden, zählen zu den am schnellsten wachsenden Bevölkerungsgruppen hierzulande. Anderthalb Millionen Männer und Frauen über 65 Jahre haben einen Migrationshintergrund, mehr als 200.000 davon kommen aus der Türkei, über 600.000 sind Spätaussiedler. 2030 könnten es insgesamt schon drei Millionen sein – jeder Siebte über 65 wäre dann ein Migrant. Und viele Fachleute nehmen an, dass Einwanderer wegen ihrer oft prekären Lebenssituation und körperlich belastenden Jobs deutlich früher pflegebedürftig werden als Einheimische.

Demenz macht Migranten oft zum zweiten Mal zu Fremden

Doch verlässliche Daten darüber, wie viele Migranten derzeit auf Pflege angewiesen sind, gibt es kaum. Die offizielle Pflegestatistik weist den Migrationsstatus nicht aus. Eine Studie im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums von 2011 bezifferte zwar den Anteil der Einwanderer unter den Pflegebedürftigen auf etwa acht Prozent (was derzeit rund 200.000 Menschen entspräche). Doch das Ergebnis basierte zum Teil auf Telefonbefragungen – an denen gerade Ausländer mit schlechteren Deutschkenntnissen häufig nicht teilnehmen. Diese werden daher unzureichend erfasst. Eine frühere Hochrechnung hatte den Migrantenanteil unter allen Leistungsbeziehern der Pflegekassen fast doppelt so hoch geschätzt. Hinzu kommen all jene, die erst gar keinen Antrag stellen.

"In der Praxis ist der Pflegebedarf unter Zuwanderern viel höher als oft angenommen", sagt die Gerontologin Gabriella Zanier vom Forum für eine kultursensible Altenhilfe. Traditionell sehen es besonders türkische Familien als selbstverständlich an, dass die pflegebedürftigen Alten von den Töchtern und Schwiegertöchtern versorgt werden. Allerdings sind diese inzwischen oft berufstätig oder leben in einer anderen Stadt. Und besonders von Demenzkranken sind sie massiv überfordert. Gerade die haben es jedoch oft schwer, sich in einem deutschen Pflegeheim zurechtzufinden: Häufig verlieren sie ihre Deutschkenntnisse, während alte Gewohnheiten aus der Heimat wieder wichtiger werden – Demenz macht Migranten oft zum zweiten Mal zu Fremden.

Frau Gülsel steht jetzt neben Rabia und schaut beim Abwasch zu. Als sie sich umdreht, wirken ihre Bewegungen unbeholfen und steif. Sie war Zahnärztin im Unterfränkischen, ihr Mann Schriftsteller, irgendwann, als die Demenz zugriff, fühlte sich die Tochter schlicht überfordert. Ihr Deutsch hat Frau Gülsel großteils verloren, einen Pflegedienst mit türkischsprachigem Personal gab es aber nicht. So kam sie in die WG in Wedding.

Sprachprobleme sind für Einwanderer mit Demenz typisch, die Ausprägungen jedoch vielfältig. Der Heidelberger Gerontopsychiater Johannes Schröder hat kürzlich gezeigt, dass bei bilingualen Migranten beide Sprachen leiden, die nicht dominante Sprache jedoch mit Fortschreiten der Krankheit besonders stark betroffen ist. Für viele Einwanderer bedeutet dies, dass ihnen ihr später erlerntes Deutsch mehr und mehr abhandenkommt und sie ganz in die Sprache ihrer Kindheit zurückfallen. Bemerkenswerterweise verhält es sich bei manchen Russlanddeutschen umgekehrt: Da sie ihren Alltag vor ihrer Aussiedlung jahrzehntelang auf Russisch bestreiten mussten, vergessen sie vielmehr das Deutsch aus ihrem Elternhaus. Mitunter verstehen sie dann ihre in Deutschland geborenen Enkelkinder nicht mehr – und verlieren an emotionaler Sicherheit in der Familie.

Die WG in Wedding, sagt Selviye Spriewald, biete den Demenzkranken genau dies: einen sicheren, vertrauten Raum. Den schaffen zum einen Alltäglichkeiten – zum Frühstück gibt es Schafskäse und Oliven, beim Betreten der Wohnung werden die Schuhe ausgezogen, es gibt Fernsehen mit türkischen Sendern und Gespräche beim Tee. Genauso wichtig sind aber die zwischenmenschlichen Gesten. Für ältere Türken ist es selbstverständlich, mit Vornamen und einem ehrenvollen "Tante" oder "Onkel" angesprochen zu werden. "Onkel Musa, Onkel Uğur – Musa amca, Uğur amca!" Alles andere wäre kalt oder unhöflich. Sultan dagegen ist noch jung, sie wird wie eine ältere Schwester gerufen: "Sultan abla!" Frau Gülsel indes solle man lieber förmlich anreden, weil sie das aus ihrer Arbeit als Zahnärztin gewohnt sei, sagt Spriewald. Respekt ist sehr wichtig. Zu Feiertagen beispielsweise küssen die Pflegerinnen den Alten die Hände und führen sie an ihre Stirn, wie es Brauch ist. Die Alten genießen das, sagt Spriewald: "Es ist für sie ein bisschen wie zu Hause."

Auf dem Sofa vor dem Fernseher ist Onkel Uğur mit seinem gepflegten weißen Bart ein wenig eingenickt. Ein türkischer Musiksender läuft, dazwischen Werbung mit Walzermusik. An der schönen blauen Donau. Onkel Uğur war immer sehr fromm und betet noch häufig – die Pflegerinnen helfen ihm bei den vorgeschriebenen Waschungen.