Wenn sie Geld brauchen, schleifen sie bei Montblanc einfach den Holzfußboden ab. Dann wuchten sie die Maschinen und Tische aus der Werkstatt, bis das Eichenparkett freiliegt, stäbchenförmig, versatzfrei, fugenlos. An normalen Tagen werden hier goldene Federn für Füller gefertigt. Doch beim Feilen, Gravieren, Biegen und Schneiden der Federn wirbeln feinste Goldstaubpartikel durch die Luft – und landen irgendwann im Parkett. Und das wird regelmäßig abgeschliffen. Beim letzten Mal habe man Gold für eine fünfstellige Summe in den Staubbeuteln der Schleifmaschinen und den Rohren der Klimaanlage gefunden, erzählt der Werksleiter.

Schön für Jérôme Lambert. Der Chef von Montblanc ist gut gelaunt, nicht nur, aber vermutlich auch wegen der Fußbodenschätze. Für den 45-jährigen Franzosen aus dem ostfranzösischen Besançon ist der Goldstaub aus der Füllfederwerkstatt eine willkommene Zusatzeinnahme, die erst in den Büchern des Hamburger Unternehmens auftaucht, von dort in die Zentrale der Schweizer Konzernmutter wandert.

So sieht sie aus, die Welt einer globalen Luxusmarke: Eine Mischung aus weltumspannender Finanzarchitektur und liebevollem, fast schon Meister-Eder-haftem Handwerksverständnis. Und mittendrin steht Lambert, der die Geschäfte führt. So nüchtern würde er das selbst wohl aber nie sagen. "Die Leidenschaft ausbauen", umschreibt er seinen Job. Er muss also sicherstellen, dass das Geld bei Montblanc nicht nur aus dem Holzfußboden kommt, sondern dass es auch künftig Kunden gibt, die ein Vermögen ausgeben für ein eigentlich aus der Zeit gefallenes Produkt: für einen Füller.

Die Digitalisierung war das Beste, was den Handwerkern passieren konnte

Lambert selbst ist auch eine Mischung: durchglobalisiert, spricht Deutsch mit Akzent, in das er immer wieder französische und englische Vokabeln einflicht. Redet viel über Gefühl, obwohl er ein Mann der Zahlen ist. Verschränkt auffällig oft die Arme, wie jemand in Abwehrhaltung, ist aber zugewandt, aufmerksam und besitzt Sinn für Humor. Hemd, Krawatte, freundlicher Gesamteindruck, Büroeinrichtung zweckmäßig in Schwarztönen.

Fragt man ihn, ob Füller in Zeiten von Smartphones und Laptops noch eine Zukunft haben, antwortet Lambert kurz mit einem mitleidsvollen Lächeln und einer Geste, die den Gesprächspartner daran erinnern soll, dass er sich gerade mit einem angenagten, billigen Werbe-Kuli Notizen macht.

Dann wird Lambert grundsätzlich: Etwas Besseres als die Digitalisierung hätte Montblanc gar nicht passieren können, findet er. "Vor zwanzig Jahren war das Digitale noch selten und etwas Cooles, der Alltag lief analog ab", sagt Lambert. "Heute ist es umgekehrt. Fast alles ist digital möglich, während analoge Dinge nicht mehr notwendig sind und nur noch aus Vergnügen benutzt werden." Das kommt der Strategie von Luxusmarken sehr entgegen. Denn Menschen geben ihr Geld nun mal gern für Dinge aus, mit denen sie Spaß haben. Lambert zufolge produziert Montblanc etwa 250.000 Füller pro Jahr und gut dreimal so viele Kugelschreiber, Druckminen- und ähnliche Stifte. Gemessen an allen weltweit hergestellten Schreibgeräten, dürfte der Weltmarktanteil von Montblanc bei etwa 0,04 Prozent liegen. Und die müssen es bringen.

Für Lambert sind Füller eines der wenigen Luxusgüter, mit denen ihre Besitzer tatsächlich etwas tun können. "Schreiben ist etwas Aktives und Persönliches", sagt er. "Sie tun es, spüren und hören, wie die Feder über das Papier gleitet." Eine teure Uhr sei dagegen etwas ganz anderes. "Natürlich können Sie sich auch dabei für Handwerkskunst und Geschichte begeistern, aber eine Uhr können Sie bloß tragen."

Man wüsste gern, ob Lambert das auch gesagt hätte, als er selbst noch im Uhrengeschäft arbeitete. Mehr als eineinhalb Jahrzehnte lang drehte sich bei ihm alles um teure Zeitmesser – kurz bei A. Lange & Söhne, lange bei Jaeger-LeCoultre im schweizerischen Le Sentier. Dort arbeitete sich Lambert, der Betriebswirtschaft studiert hat, vom Finanz- bis zum Vorstandschef hoch. Beide Uhrenhersteller wie auch Montblanc gehören zum Konzern Richemont.

Ob die Hamburger Füllerproduzenten begeistert waren, als ihnen 2013 ein Uhrenmanager als neuer Chef vorgesetzt wurde? Nein, sagt Lambert. Aber: "Bei Jaeger-LeCoultre war der Schock viel größer. Schließlich ist das eine Uhrenmarke mit einer 170-jährigen Geschichte, und ich war erst 33, als ich dort anfing", erzählt er. "Hier in Hamburg wollten die Mitarbeiter wissen, ob ich die Aufgabe ernst nehme und mit meiner Familie hierherziehe." Er tat es, mit seiner Frau und zwei Töchtern im Teenageralter.

Seine Pferde ließ er zurück in der Schweiz. Lambert ist Reiter, allerdings sei er in den zwei Jahren bei Montblanc nicht mehr zum Reiten gekommen. Wer Füller verkaufen muss, hat keine Zeit zum Stall ausmisten. Schade sei das, bedauert er, beim Reiten bekomme man nämlich zwangsläufig einen freien Kopf: "Ein Pferd spürt sogar eine Fliege auf der Haut und merkt sofort, wenn sein Reiter gedanklich nicht vollkommen bei der Sache ist."