Die Angeklagte will drei ihrer vier Verteidiger nicht mehr. Drei der vier Verteidiger wollen die Angeklagte nicht mehr verteidigen. Aber sie kommen voneinander nicht los, das Oberlandesgericht München hat alle Bitten der Anwälte um Entpflichtung von Beate Zschäpe im NSU-Prozess abgelehnt.

Das ist die Lage, und sie ist, kurz gesagt, absurd. Vor allem aber ist sie bedrohlich.

Schon einmal, ganz zu Beginn der Hauptverhandlung, stand der Prozess gegen die mutmaßliche Rechtsterroristin hart am Rande der Peinlichkeit. Da hatte sich das Oberlandesgericht mit einer eigentümlichen Verteilung der Presseplätze selbst in die Bredouille gebracht, und erst das eilends angerufene Verfassungsgericht in Karlsruhe fand einen Weg zurück zur Vernunft.

Nun liegen die Dinge anders, schwieriger und potenziell gefährlicher. Offenbar ist es der Angeklagten gelungen, nicht nur die Anwälte, die sie sich ja anfangs selbst ausgesucht hatte, gegen sich aufzubringen, sondern auch noch Streit anzufachen zwischen diesen Anwälten und dem Vorsitzenden Richter. Die Bundesanwaltschaft ist, vorsichtig gesagt, entnervt, die Vertreter der Nebenkläger, der Opfer und ihrer Angehörigen also, sind empört. Das ist schon eine bemerkenswerte destruktive Leistung.

Ob man darin nun die perfide Kraft der Angeklagten am Werk sehen will, wie manche Beobachter, eine Fähigkeit zur Manipulation, die auch Rückschlüsse auf das Wesen von Zschäpe zulasse oder gar auf ihre Tatbeteiligung, das ist reinste Spekulation. Niemand kann das beurteilen, alle Beteiligten schweigen. Auch die Gerüchte, die Angeklagte wolle womöglich doch aussagen, ihre bisherigen Pflichtverteidiger hinderten sie aber daran, warum auch immer, sind eben das: Gerüchte, bloße Mutmaßung, Dahergerede.

Die Angeklagte müsste, wenn sie denn wollte, nur den Mund aufmachen und reden. Kein Anwalt könnte sie daran hindern.

Klar sagen lässt sich einstweilen nur, dass sich Gericht und Verteidigung objektiv in einem Dilemma befinden. Wenn eine Angeklagte ihren Anwälten mit Ablehnung begegnet, dann ist das eine Belastung des Prozesses. Eine Belastung, die noch erheblich wächst, wenn auch die Rechtsanwälte ihrerseits um Entpflichtung bitten, weil sie eine optimale Verteidigung nicht mehr glauben leisten zu können, nachdem ihnen die Angeklagte das Vertrauen entzogen hat.

Andererseits aber ist eben dies das Wesen der Pflichtverteidigung. Sie ist keine freiwillige Sache, keine partnerschaftliche Verabredung, auf Zuruf zu lösen, sondern eben: eine Pflicht des vom Gericht berufenen Verteidigers. Für die Entbindung von dieser Pflicht gibt es hohe Hürden, es braucht schon fortwährende Pöbeleien oder gar Handgreiflichkeiten, und das hat seinen Sinn. Gesichert werden soll nämlich nicht nur der Angeklagte, sondern auch der Fortgang des Prozesses selbst. Tatsächlich ist das auch in München eine reale Gefahr. Wenn die drei umstrittenen Pflichtverteidiger ausscheiden würden, müsste die Hauptverhandlung wohl wieder von vorn beginnen. Und das wäre ein Desaster.

Das eigentlich Fatale der gegenwärtigen Situation ist aber etwas anderes.

In München droht gerade etwas wegzurutschen. Man muss einmal einen Schritt zurücktreten, man muss für einen Moment die Spekulationen über die Befindlichkeit der Angeklagten und das Gezänk über die Sitzordnung auf der Verteidigerbank ausblenden und sich noch einmal bewusst machen, was dieser Prozess eigentlich ist.

Es ist nicht nur der Versuch, die Schuld (oder Unschuld) der Angeklagten zu ermitteln und ihr eine angemessene Strafe zu geben. Es ist auch eine Aufklärung der Republik über ihre eigenen Fehler. Es ist eine Anstrengung des Rechtsstaats Bundesrepublik, sich mit einer rechten Terrorserie zu konfrontieren, die das Land lange für undenkbar hielt, und, auch das, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.

Nach dem vermasselten Start hat der Prozess in München bislang genau dafür gesorgt, mit aller Nüchternheit, akribischer Recherche und viel Geduld mit den Nebenklägern. Wenn er jetzt zum schlechten Witz verkommt, wäre das eine Katastrophe. Für die Opfer, für deren Angehörige. Und für den Rechtsstaat insgesamt.