Vor Kurzem überlegte ich hier in der Ostkurve, ob ich im Bundestag lesen wollen würde, ob man als Schriftsteller nicht eher subversiv sein müsse, anarchistisch statt wohlfeil-politisch, störend statt ... Äkschn-GmbH statt Parteitag, Bankette sprengend, radikal-dialektisch, Schlingensief, Meese ... was soll ich da vor irgendwelchen Polit- und geladenen Heinis lesen, die eh nichts von Kunst verstehen in ihren Anzügen. Was soll ich im Haus des Königs? Oder ist dieses mein Denken schon zu kleingeistig? Ich bin ja an Menschen und Räumen interessiert, halte nichts von der großen Welt- und Herrschaftsverschwörung, sympathisiere aber eher mit radikalen Denkern wie Varoufakis, Žižek oder dem Ökonomen und anarchistischen Kommunisten Thomas Kuczynski.

Nun habe ich die Anfrage erhalten, mein Bundesland Sachsen (obwohl ich ja gebürtiger Anhalter bin, fühle ich mich, bei aller Liebe zum schönen Halle an der Saale, ja als Sachse, da ich in Halle, wo ich viel Verwandtschaft habe, nur geboren wurde) mit einer Lesung im Bundestag zu vertreten. Da ich als freischaffender Künstler auf Lesungen angewiesen bin, sagte ich zu. Ich muss gestehen, dass ich nie im Bundestag war, hat mich nie interessiert, zu viel Andrang, zu weit weg. Anfragen von Parteien lehne ich ab. Als man mich fragte, ob ich zur Tausendjahrfeier Leipzigs als eine Art Pate agieren könne, habe ich nicht reagiert. Zu dummdreist der Versuch, unsere Stadt mal wieder zu feiern. Weil irgendein Dokument aufgetaucht ist. Haben wir nicht jedes Jahr Friedlicherevolutionerinnerungszeremonie? Habe ich nicht eine Briefmarke von 1965 in meinem Briefmarkenalbum zur 800-Jahr-Feier Leipzigs?

Und jetzt soll ich im Bundestag für Sachsen lesen, am besten mit unserem Staatsdichter und Ritterkreuzträger Tellkamp? Warum eigentlich nicht. Schauen wir ins Haus der Königin und erzählen von Heeme.