Wer Peter Høeg besuchen will, muss weit nach Jütland hinauffahren, dorthin, wo die Fjorde beginnen und die Landschaft von wilder Lieblichkeit ist. Die Straßen zerfransen, und die Dörfer werden stiller, bis schließlich nur ein Schotterweg übrig bleibt. Er führt auf einen schmucklosen Bauernhof. Die landwirtschaftlichen Geräte sind von Gras überwachsen. Dunkelrote Falter schweben zutraulich umher. Peter Høeg führt uns in sein Atelier in einem Nebengebäude, einen großen Raum mit zwei Panoramafenstern, vor denen der Fjord seine Farbe mit dem Zug der Wolken wechselt. Es gibt kaum Gegenstände, ein paar Bücherstapel, einen Tisch, der zum Schreiben dient, seltsame, mit Kreisformen bedeckte Ölgemälde, die erst Sinn ergeben, wenn man erfährt, dass dieses Atelier auch für Gruppenmeditationen genutzt wird. Hier hat der mit Fräulein Smillas Gespür für Schnee berühmt gewordene Schriftsteller seine letzten vier Romane verfasst. Er schreibt per Hand, zieht sich für die Rohversion über Monate in die Einsamkeit zurück, ohne Telefon und Internet, nur wenige Freunde und seine Familie haben Zutritt.

Peter Høeg bewegt sich elastisch, seine gerade Haltung lässt ahnen, dass er einmal Solotänzer gewesen ist. Aus einer großen Thermoskanne schenkt er ein selbst gebrautes Getränk aus Tee, Ingwerwasser, Milch und Rohrzucker ein. Er ist ausgesucht höflich, bezaubernd aufmerksam. Und doch wirkt er sehr abgeklärt, was verwirrend ist, weil sein Gesicht dem einer Rokoko-Porzellanpuppe gleicht. Nur wenn er lächelt, verwandelt er sich in ein Kind mit halluzinatorischen Pippi-Langstrumpf-Sommersprossen. Auf dieses Kind kommt er oft zurück. "Ich bin dem Fünfjährigen in mir treu geblieben, der Cartoons gezeichnet hat, als er noch nicht schreiben konnte. Dann habe ich meinen Brüdern die Bildgeschichten erzählt." 2007 gründete er die Gesellschaft zur Förderung der Lebensklugheit bei Kindern, in der er mit Schülern meditiert. Das Ziel ist, sie in einer Zeit konstanter Ablenkung mit sich selbst vertraut zu machen. Nicht um den Narzissmus zu fördern, betont er, sondern um Empathie zu wecken. "So kann man vielleicht auch mit der eigenen Kreativität in Kontakt kommen." Als Kind hat Peter Høeg mehrere Jahre auf einer strengen Privatschule verbracht, in der er auch geschlagen wurde. "Jedes Kind hat eine Einsamkeit, und es hat lange gedauert, bis ich Menschen getroffen habe, bei denen ich das Gefühl tiefen Verständnisses hatte. Das passiert Kindern oft. Dann wachsen sie auf, und es gibt in ihnen eine Gegend, die niemals gesehen worden ist. Für mich ist es wichtig, diese Einsamkeit erlebt zu haben."

Das Schreiben, sagt Høeg, "ist eine einzige kosmische Räuberei"

Schwer zugängliche, hochbegabte Kinder spielen in Høegs Romanen eine zentrale Rolle. Auch Fräulein Smilla und Susan, die Protagonistin in seinem neuen Roman Der Susan-Effekt, verhalten sich wie Kinder. Sie sind vom Realitätsprinzip unbelehrbar, nehmen es mit dem Unmöglichen auf, wollen, wie die Action-Heldinnen der Cartoons, ständig irgendwo eindringen oder ausbrechen. "Ich passiere gern verbotene Grenzen. Ich möchte herausfinden, wie es möglich ist. Das ist nicht weit von der meditativen Praxis entfernt. Wirklichkeit ist eine Konstruktion, aus der man erwachen kann."

Auch Der Susan-Effekt ist ein Buch, das man nicht mehr aus der Hand legt. Die Handlung fesselt, Høegs trockener Witz interpunktiert die Spannung, und seine Verzögerungstechnik ist hohe Kunst. "Diese Dinge sollen einen Effekt haben, aber nicht bemerkt werden. Das ist die große Anstrengung. Die künstlerische Handlung liegt nicht in den Plots, sondern in dieser Verdichtung des Textes, seiner sprachlichen Elastizität." Schon Høegs frühere Bücher waren auf ganz unanstrengende Weise gelehrt. In Fräulein Smilla erfuhr man alles über Eis und Schnee, Schiffsmaschinen, Witterung und Teilchenphysik. Doch diese Exkurse sind nie Selbstzweck, sondern organisch ins Geschehen eingefügt. Sie kommen seinen naturwissenschaftlich stupend bewanderten Heldinnen in höchster Not in den Sinn und liefern die zündenden Ideen zur Rettung anderer und nebenbei ihrer selbst. Wachheit für die Realität jenseits der Gewohnheit, für Plötzliches und Unvorhersehbares, die Høeg in der Meditation sucht, ist seinen Heldinnen selbstverständlich. Die ganze Familie wird im neuen Buch zum Actionhelden-Team, das in atemberaubender Weise kooperiert. "Ich habe die heimliche Ambition, den Spannungsbogen zu halten. Deshalb brauche ich Plots. Man muss Mut haben, aber man darf diese Klischees nicht fürchten. Denn es sind auch Archetypen, es geht um tiefe Wahrheiten."

Der geniale Bösewicht, die Nachbarin mit dem guten Herzen, der Traum von der paradiesischen Insel, der gerechte Lohn für Verfehlungen, das vor aller Augen versteckte Geheimnis, die vor keiner Finsternis zurückweichende Märchenlogik versetzen den Leser in fieberhafte Erregung und befriedigen ein tiefes Bedürfnis nach spiritueller Ordnung und letzten Gewissheiten. "Ich möchte nicht nur den Kopf unterhalten, Lust ist Teil des ganzen Menschen. In der Schule hat man mir erzählt, dass Humor und Spannung gering zu schätzen seien. Ich glaube das nicht. Ich sehe keine Grenze zwischen Populärliteratur und sogenannter hoher Literatur. So eine künstliche Grenze hemmt die Freiheit des Spiels. Man schreibt ja in einem Strom, einem Flow von Kreativität. Ein Buch ist wie ein Rodeopferd. Ich bin 58 Jahre alt, aber ich bin auch noch ein Kind."

Die schon rein handwerklich bewundernswerte Fähigkeit, einen großen Spannungsbogen zu gestalten, hat Peter Høeg als Seemann perfektioniert. Nach der Schule und dem Magister in Literaturwissenschaft hatte er sich im Fechten versucht und den Kampfsport mit 20 Jahren wieder aufgegeben, weil ihm "das Konkurrenzelement zu aggressiv" war. Vier Jahre später beendete er sein nächstes Berufsexperiment und hängte die Tanzschuhe an den Nagel, obwohl er in großen Partien wie Narziss und Echo als Solist aufgetreten war. "Man hat eine Tanzkarriere von mir erwartet. Aber ich wusste, dass ich nicht die notwendige innere Autorität hatte." Stattdessen heuerte er auf Jollen an, die zwischen den 1500 dänischen Inseln verkehrten, und bald auf den Jachten der Reichen, die im Atlantik und im Mittelmeer kreuzten. "Ich war Navigator. Der GPS war noch in den Anfängen. Ich habe die komplette Route auf Papier vorbereitet und auf diesen sogenannten Plotting-Charts Briefe geschrieben."