Das ist die Urszene seiner Bücher. Die Romangattung entwickelte sich aus Reiseberichten, eine Episode reihte sich an die nächste und verzögerte die Ankunft. Bei der Chart-Erstellung lernte Høeg, die Route mit vielfältigem Faktenwissen zu koordinieren. Das kam ihm bei den Romanen zugute. "Ich habe Übung und kann sehr schnell lesen und große Mengen von Informationen strukturieren. Ich habe es genossen, in Bibliotheken und Fachbüchereien zu recherchieren. Aber für mich gibt es eine Zeit vor und nach der Erfindung des Internets. Es wurde auf einmal sehr einfach, Informationen zu sammeln. Da habe ich alles Interesse daran verloren." Der Schriftsteller, der so viele Stile ausprobierte, in den ersten Erzählungen William Somerset Maugham, Albert Camus, Theodor Fontane und viele andere mit großer Empathie imitierte und in Fräulein Smilla zu einer eigenen Handschrift fand, hat sich noch einmal neu erfunden. Obwohl Der Susan-Effekt im Aufbau viel mit Fräulein Smilla gemeinsam hat, spielen Intuition und Zufall produktionsästhetisch eine größere Rolle. Susans Familie teilt die besondere Begabung, den Susan-Effekt, andere durch bloße Anwesenheit dazu zu bringen, wahrhaftig zu sein. Sie sind säkulare Beichtschwestern, und diese Qualität hat Høeg an wirklichen Menschen in seinem Umfeld beobachtet. Auch die in einem botanischen Versuchslabor spielende Nebenhandlung ist ihm bei Freunden zugeflogen, die er beim Veredeln von Bäumen beobachtet hat. "Da wusste ich, dass ich darüber schreiben wollte. Es war Zufall und hat ein gutes Gefühl ausgelöst." Dabei ist Aufpfropfen eine Kernkompetenz des Schreibens, und er freut sich über die Parallele: "Ich bin ein Medium. Ich raube und stehle von Freunden und anderen Büchern. Es ist eine einzige kosmische Räuberei."

In der Meditation hat er ein Gegengewicht zur Arbeit gefunden

Peter Høeg ist seinen Heldinnen unheimlich nah in dem Bedürfnis, so viele Leben und Karrieren wie möglich zu testen, alles Wissen aufzusaugen, für jede Eventualität gewappnet zu sein. Die Sprunghaftigkeit führte dazu, dass er mit 30 die Seefahrt aufgab. "Ich war an einem Kreuzweg. Man hat mir auf Mallorca eine Stellung auf einem berühmten Segelboot angeboten, das für den spanischen König gebaut worden war. Ich wusste, wenn ich es annehme, dann bleibe ich in dieser Welt. Dann ist das mein Schicksal." Er entschied sich dafür, eine Familie zu gründen, für einen Schriftsteller vielleicht die größte Herausforderung überhaupt. Doch es war auch eine Entscheidung für das Schreiben: "Das Problem mit der Kreativität auf See ist die Bewegung. Wir sind nicht für Bewegung gemacht, wir sind biologische Wesen, die auf festem Grund zu Hause sind. Deshalb ist das Meer immer eine physische Provokation. Tiefe kreative Prozesse können dort nicht stattfinden."

Peter Høeg hat die Beine im Schneidersitz unter den Leib gezogen. Er trägt eine weite Hose, in der er sich ungezwungen bewegen kann. Zur Beschreibung komplexer Sachverhalte gebraucht er die Hände, passt zwei unsichtbare Gewinde wie ein Mechaniker ineinander und scheint auf das Einrasten zu horchen. Mit dem Familienleben, der Meditation und den karitativen Initiativen hat er ein Gegengewicht zum Rausch des Schreibens gefunden. "Die Bücher führen auch zum Ego zurück. Ich bekomme ja Geld und Aufmerksamkeit. Das ist ein gefährliches Risiko. Man wird leicht zum Narziss. Die Kreativität kommt aber nicht vom Ego, sondern von außen. Sie ist nichts, was man besitzen kann. Man muss Demut gegenüber dem Kosmos haben. Ich habe Mario Vargas Llosa getroffen, und er sagte, dass er ohne Schreiben nicht leben könnte. Das klingt romantisch, aber es ist nicht romantisch. Jeder Zwang ist negativ."