Es gab eine Zeit, in der es schien, als würde das Internet China ganz ungeahnte Freiheiten bringen. Dann aber lernte die Regierung, das Netz zu dressieren – und sie tat das in atemberaubender Geschwindigkeit. Man muss bloß die Berichterstattung über zwei Katastrophen miteinander vergleichen.

Juli 2011: In der Nähe der Stadt Wenzhou rasen zwei Hochgeschwindigkeitszüge ineinander, 40 Menschen sterben. Ein Signalfehler hatte den tragischen Unfall verursacht. Wie üblich gibt das Propagandaministerium den Medien vor, wie über das Geschehen zu berichten sei. Diesmal aber kommt es anders. Seit 2009 nämlich gibt es die chinesische Twitter-Kopie Sina Weibo. Obwohl sie stark zensiert wird, ist mit ihrer Hilfe eine rege und kritische Öffentlichkeit entstanden. Und die lässt sich nicht mehr alles gefallen.

Weil sie der offiziellen Berichterstattung nicht trauen, fahren nun Blogger auf eigene Faust an den Unfallort und beobachten, wie Arbeiter versuchen, die entgleisten Abteile in der Erde zu vergraben. Das Eisenbahnministerium versuche, weitere Nachforschungen zu vereiteln, argwöhnen sie. Die Katastrophe wird zum landesweiten Skandal, selbst Zeitungen, die sich stets den Zensurvorgaben beugten, weigern sich jetzt, diese zu erfüllen. Eine lässt sogar die Titelseite frei, um den abgesegneten Propagandabericht nicht drucken zu müssen; unter der weißen Seite prangt das Pinocchio-Zitat: "Wer lügt, dem wächst eine lange Nase." Die Blogger treiben die überforderten Beamten vor sich her, auf einer Pressekonferenz stammelt ein Funktionär: "Egal, ob Sie mir glauben oder nicht. Ich glaube mir." Das Netz höhnt. Etwas ganz Unerhörtes ist geschehen. Stets hat der große Bruder das Volk überwacht. Jetzt schaut das Volk mit einem Mal zurück.

Vier Jahre später. Juni 2015: Auf dem Jangtse kentert das Passagierschiff Östlicher Stern, 442 Menschen ertrinken. Die Propagandamaschine feuert aus allen Rohren. Der Premier mit sorgenvoll gerunzelter Stirn, hemdsärmelig, das Megafon am Mund, über Karten gebeugt, in Krankenhauskleidung an der Seite eines Überlebenden. Der Unfallort ist großräumig abgesperrt und nicht einsehbar, die Diskussion im Netz wird sorgfältig gelenkt, auf dass keine unangenehmen Fragen nach der Verantwortung der Behörden aufkommen. Parteinahe Medien leiten hundertfach das Blog-Posting eines gewissen Dong Mai Yin weiter, der die Behörden dafür feiert, das Wasser aus dem Drei-Schluchten-Staudamm gedrosselt zu haben, damit nach Überlebenden gesucht werden könne: "Ich denke, kein anderes Land als China hätte die Entschlossenheit und Fähigkeit, dies zu tun."

Was war zwischen den zwei Unglücksfällen geschehen? Vier Jahre lang hatten Chinas Bürger auf Sina Weibo in einer Offenheit diskutiert, die kaum einer für möglich gehalten hätte. Die Korruption kam zur Sprache, der Machtmissbrauch und eine Vielzahl sozialer Missstände. Blogger machten sich einen Sport daraus, die Luxusuhren an den Handgelenken ihrer Beamten zu zählen. Die Regierung sah sich erstmals mit einer neugierigen und kritischen Öffentlichkeit konfrontiert.

Im August 2013 gibt Präsident Xi Jinping jedoch den Befehl, "das Kommando im Internet zurückzuerobern". Einen Monat später erlässt das Oberste Gericht Regeln: Wer ein Gerücht weiterverbreitet, das mehr als 500-mal weitergeleitet oder mehr als 5000-mal gelesen wird, dem drohen bis zu drei Jahre Haft. Was genau ein Gerücht ist, wird nicht definiert – das zu tun ist offenkundig der Partei von Fall zu Fall vorbehalten. Der bekannte Blogger Charles Xue wird im Staatsfernsehen in Gefangenenkleidung vorgeführt; offiziell wurde er zwar wegen Prostitution verhaftet, in seinem öffentlichen Geständnis aber leistet er Abbitte für seine Rolle als Blogger. Er sagt, angesichts seiner Millionen Follower habe er sich "wie ein Kaiser gefühlt". Im November meldet der Vize-Propagandaminister dann Vollzug: "Unser Internet ist wieder sauber."

Die Bedeutung der Twitter-Kopie Weibo ist seither stark geschrumpft. Ein soziales Netzwerk namens Wechat hat die Lücke gefüllt, das aber gleicht eher einer Mischung aus WhatsApp und Facebook, ist jeweils auf einen Freundeskreis beschränkt und entwickelt lange nicht die diskursive Verve des öffentlichen Weibo.

Unter Präsident Xi Jinping ist das Internet zur Chefsache geworden, er hat eine zentrale Abteilung für Internetsicherheit geschaffen. Noch vor ein paar Jahren gaben Internetberater der Regierung zu, dass sie wenig vom Netz verstünden – davon kann heute keine Rede mehr sein.