Telling the untold – das Unerzählte erzählen: So lautet das Motto von Sputnik. Man bereitet wilde Vermutungen, Falschmeldungen, Verschwörungstheorien zu einer Nachricht auf. Der Sender arbeitet an multiplen Wahrheiten: Er meldet erfundene Neuigkeiten, etwa dass US-Soldaten in der Ukraine kämpfen, wartet darauf, dass westliche Medien die Falschmeldung übernehmen und korrigiert sie dann nicht. Irgendetwas wird schon hängen bleiben. Er zielt auf den Eindruck ab, dass irgendwie alle Schurken sind. Widersprüche? Macht nichts. Die Ukraine ist voller Nationalisten – aber keine Nation. Russland steht gegen die Faschisten – aber fest an der Seite von Marine Le Pen. Alles ist möglich.

Nach diesem Prinzip arbeiten die Cyber-Soldaten des russischen Informationskriegs. Die New York Times hat vor wenigen Wochen ein Bürohaus in der Sawuschkina-Straße im Primorski-Bezirk von St. Petersburg als Troll-Haus ausgemacht. Darin arbeiteten junge Leute im Netz für den Kreml. Der dreistöckige weiße Kasten liegt in einer Vorstadtstraße mit Wohnhäusern aus der Stalinzeit. Gegenüber ein Restaurant, Bäume säumen die Straße. Heute ist das Haus verschlossen, es wirkt leer. Ein Nachbar meint, die Firma sei umgezogen.

Die New York Times sprach mit einer Mitarbeiterin, die lange in diesem Haus gearbeitet hat. Ljudmila Sawtschuk erzählte, wie sie täglich von neun bis neun Uhr auf Onlineforen schrieb, Soziale Medien und Kommentarspalten von Internetzeitungen bespielte. Was sie zu schreiben hatte, wurde von den Chefs vorgegeben. 

Im Westen hoffte man noch vor Jahren, das Internet werde autoritäre Systeme schwächen und unterdrückten Bürgern ein Fenster zur Welt öffnen. Welch ein Irrtum. Moskauer Sender haben Kohorten westlicher Journalisten eingestellt, um in den Westen vorzudringen. Peter Pomerantsev war nur einer von vielen. Die autoritären Systeme lernen vom Westen und kehren nun die westliche Technologie gegen ihre Erfinder.

Die Nachrichtensendungen von Kisseljow und RT haben nichts mehr mit Schnitzlers Schwarzem Kanal aus DDR-Zeiten zu tun. Sie sind oft schneller, hipper, lauter, moderner als westliche Nachrichtensendungen. "Nie wieder uncool", bemerkte einst Putins Chefstratege Wladislaw Surkow, der heute die Separatisten in der Ukraine dirigiert.

Der bedrückendste Erfolg gelang Russlands Propagandafabriken im Fall Deutschland. Die Bundesrepublik gehörte viele Jahre lang zu den beliebtesten Ländern in Russland. Doch zahllose Filme über den Zweiten Weltkrieg, die Denunzierung Merkels als "Puppe der USA", die Berichte über das heutige "faschistische" Deutschland genügten, um das umzukehren. Nach Umfragen des Lewada-Instituts sahen 2013 kaum drei Prozent der Russen Deutschland als Feindesland. Heute sind es fast 20 Prozent. Als Freund sehen Deutschland nur noch zwei Prozent der Russen an. So schürt man Völkerhass.

RT hatte vor zwei Jahren angekündigt, auch einen deutschen Sender aufzubauen. Daraus ist bisher nichts geworden. Es gibt bloß einen Internetauftritt mit einer unbeholfenen Moderatorin. Übernommen wird RT lediglich von einem Thüringer Lokalsender, der ansonsten Werbung für die Linke macht.

Nach dem Verfall des Rubels fehlen Rossija segodnja die Devisen, um eine Präsenz in Deutschland auszubauen. Aber das war bisher auch nicht nötig. Russische Propagandisten erreichten in Deutschland ein zweistelliges Millionenpublikum mit kollegialer Hilfe der ARD. Vor allem in den Talkshows von Jauch und Co. konnten sie, harmlos als Journalisten vorgestellt, den "russischen Standpunkt" ungestört unters Volk bringen.

Das Ergebnis ist bislang sehr gemischt. Heute haben 65 Prozent der Deutschen eine schlechte Meinung von Wladimir Putin, mehr als 60 Prozent glauben, Russland unterstütze die Separatisten mit Waffen. Trotzdem können die Russen punkten. Ihre Propaganda versucht, gewisse Motive der russischen Erzählung in der deutschen Diskussion durchzusetzen. Beispiele: "Die Krim war eigentlich schon immer russisch." – "Die Ukraine ist kein richtiger Staat." – "Russland musste so handeln, weil die Nato sich ausgedehnt hat." – "Der Maidan war von den Amerikanern finanziert." Solche Weisheiten werden mittlerweile auch schon von Angehörigen meinungsbildender Gruppen in Deutschland ventiliert.

Und da liegt der Erfolg. Solche Überzeugungen rechtfertigen Putin und delegitimieren die westliche Kritik am russischen Vorgehen. Beabsichtigt ist allgemeine Verunsicherung, in der alle möglichen Wahrheiten und Versionen gelten. Und vor allem dass der Westen im Unrecht sei. Ende Juni nannte Ludger Volmer, Ex-Staatsminister im Auswärtigen Amt, den Maidan-Aufstand im Deutschlandfunk einen "Putsch" und fuhr fort: Wenn dann aber die Ostukraine "aus dem neuen ukrainischen Staatsverband austreten will, dann gilt das als illegitim, und das ist die Heuchelei und die Doppelmoral der westlichen Politik." Dmitri Kisseljow hätte es nicht besser formulieren können.

Hinweis der Redaktion, 06.08.2015: Bei diesem Artikel handelt es sich um eine aktualisierte Version des Print-Artikels aus der ZEIT 30/2015.