Wenn eine Regenrinne vom Dachrand fällt und einen Passanten verletzt, haftet der Hauseigentümer für den Schaden. Wenn auf Twitter jeden Tag Menschen beleidigt, diffamiert und gemobbt werden, haftet Twitter – kein bisschen.

Läuft hier vielleicht was falsch?

Wie schnell aus Online-Plattformen asoziale Netzwerke werden können, hat zuletzt Til Schweiger zu spüren bekommen. Der Schauspieler hatte auf seiner Facebook-Seite einen Spendenaufruf für Flüchtlinge unterstützt. Das reichte (beispielsweise) dem User Joerg Trueschler, um zu posten: "Schweiger, das ist dein Ende du kleiner Schausteller." Ein Ben Meier bekannte: "ich würde gerne helfen aber ich hab keine pistole!" Und auf Twitter stimmte ein NPDler ein: "Mich kotzt Herr Schweiger auch an."

Der Promi Schweiger konnte sich im Fernsehen wehren. Die meisten anderen Opfer von Online-Mobbing können das nicht. Immer wieder gibt es Berichte über Teenager, die sich aus Verzweiflung und Scham das Leben genommen haben.

Wie lange eigentlich sollen Facebook und Twitter noch mit dem bequemen Privileg davonkommen, auf denselben Plattformen, mit denen sie Geld verdienen, nichts gegen Herabwürdigungen, Verleumdungen und Hass unternehmen zu müssen? Laut den Twitter-Regeln sind "Gewaltandrohungen" gegen andere verboten. Es droht eine zeitweilige Account-Sperre. Immerhin. Aber wie steht es um Beleidigungen, selbst um derbe? Die, so heißt es bei Twitter, fielen unter das Recht auf freie Meinungsäußerung – so lange, bis sich der Betroffene an die Polizei wende. Sicher, Twitter-Angestellte dürfen keine Richter ersetzen. Aber eindeutige Beleidigung erkennen, das können sie sehr wohl. Es geht ja nicht darum, jemanden zu bestrafen, sondern darum, Verrohung und Pranger-Effekte einzudämmen.

Anfang des Jahres schrieb der damalige Twitter-Chef Dick Costolo in einer Mail an seine Mitarbeiter, er sei beschämt über das Ausmaß von Pöbeleien: "Es gibt dafür keine Entschuldigung." Stimmt. Stattdessen gibt es die Verantwortung, alles Zumutbare zu tun, um jedwede Gefahr, die von einem Unternehmen ausgeht, in Grenzen zu halten.

Deswegen wird es Zeit, mit Gesetzen nachzuhelfen: Entweder Twitter & Co. veranlassen das Einfache und Mögliche, um Erniedrigungen, Mobbing und Hetze einzudämmen – oder diese Firmen müssen Bußgelder zahlen. Es wäre nur gleiches Recht für alle.