Der Mann, der Deutschland hinter sich ließ, um den Terrorismus zu bekämpfen, blinzelt tapfer in die Sonne, denn aus dieser Richtung kommt der Feind. Hans Schneider* steht vor einer zerschossenen Ruine, die Flagge der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) flattert im Wind, ein gelbes Dreieck mit einem roten Stern in der Mitte. Oben auf dem Dach steht ein Späher hinter Sandsäcken und blickt durch ein Fernglas. Schneiders Augen wandern über Schützengräben und einen Erdwall, der den Stützpunkt umgibt wie eine Burgmauer. Draußen liegen bärtige Kämpfer an Maschinengewehren, ein Stoßtrupp der YPG. Vor ihnen Felder, ein paar verlassene Gehöfte. Dahinter beginnt das Kalifat des Abu Bakr al-Bagdadi, des selbsternannten Führers des "Islamischen Staates". IS-Land.

Hans Schneider steht auf der richtigen Seite, bei den Kurden. Dort wollte er hin: um die Mörder zu bekämpfen – die seit über einem Jahr immer heftiger diese Region terrorisieren, erst Syrien, dann den Irak, und die jetzt 32 Menschen auf türkischem Boden massakriert haben. Am Montag traf es eine Zusammenkunft des Bundes der Sozialistischen Jugend im Grenzstädtchen Suruç. Ein Selbstmordattentäter, offenbar vom IS ausgesandt, zündete inmitten der Menschenmenge ihren Sprenggürtel. Die Detonation, die Stille, die Schreie. Wie blutige Trümmer lagen Tote und Verletzte im Garten des Kulturzentrums.

Viele von Schneiders kurdischen Kameraden waren einst Mitglied in jenem Jugendbund, der sich jetzt in Suruç traf. Suruç ist kurdisch und unterstützt die YPG. Kurz nach der Explosion wurden in der syrischen Stadt Kobane zwei YPG-Männer durch eine Autobombe getötet. Hans Schneider gehört jetzt also zu den wichtigsten Feinden des IS. Zu denen, die sich hier verteidigen und mittlerweile auch Hunderttausende Flüchtlinge schützen, die vor dem IS ins Kurdengebiet geflüchtet sind.

Trotzdem wirkt Schneider wie Strandgut, das an fremdes Land gespült wurde. Ein dreißigjähriger Deutscher aus einer Kleinstadt in der Eifel, um seine Schulter baumelt ein Sturmgewehr. Ein höflicher junger Mann, der jeden mit Handschlag begrüßt. Er trägt Pilotenbrille, einen rotblonden Schnauzer und hat einen leichten Sonnenbrand auf der Glatze.

Es ist Frühsommer in der kleinen Ortschaft Bidscho in der nordsyrischen Provinz Dschazira, nahe der türkischen Grenze. Die syrische Regierung hat sich schon vor zwei Jahren aus diesem Teil des Landes zurückgezogen. Seitdem herrscht ein Nichtangriffspakt mit der kurdischen Partei der Demokratischen Union, die die Region de facto verwaltet. Die Kurden nennen das Gebiet Rojava: Westkurdistan. Seit zwei Jahren schon kämpft die YPG gegen die anstürmenden Truppen des "Islamischen Staates"; erst seit Anfang 2015 haben sie den IS endlich ein Stück zurückgedrängt: in Kobane, in Sindschar, in Tall Abjad. Und mit jedem Dorf, das die Kurden zurückeroberten, mit jeder gewonnenen Schlacht, bröckelte der Mythos von der Unbesiegbarkeit des IS – wie in Kobane, der völlig zerstörten syrischen Stadt, die zum Symbol der Hoffnung wurde, weil die Kurden dort nach vier Monaten erbitterter Kämpfe siegten.

Und in Bidscho? Die Nachmittagssonne taucht die Felder in tiefes Grün, Vögel zwitschern, für einen Augenblick könnte man vergessen, dass der IS nur wenige Hundert Meter von dieser Stellung entfernt liegt. Schneiders Blick geht in die Ferne. Dort hinten irgendwo müssen sie sein. Seine Feinde. Daaisch, sagen sie auf Arabisch. IS sagt der Westen. Das Kürzel des Schreckens: Die Islamistenmiliz will die ganze Region neu ordnen, kontrolliert nun in Syrien und im Irak ein Gebiet von der Größe Englands, es reicht von der syrischen Metropole Aleppo bis fast hinunter nach Bagdad – 734 Kilometer Luftlinie.

Sie ermorden, vergewaltigen oder versklaven jeden, der nicht ihre Weltanschauung teilt. Am vergangenen Samstag sprengte ein IS-Selbstmordattentäter auf einem Markt nahe Bagdad 115 Menschen in die Luft. Zuvor waren an einem Freitag im Ramadan schon Touristen in Tunesien und Moscheebesucher in Kuwait ermordet worden. Letzte Woche wurden fünf Marinesoldaten in Chattanooga, Tennessee erschossen. Die Angst breitet sich aus, auch im Westen: vor laufender Kamera geköpfte Journalisten, ein Massaker an französischen Karikaturisten.

Hans Schneider sagt, er weigere sich, in Angst zu leben. Er sagt auch, dass er den IS hasse, leidenschaftlich, und ihre Brüder im Geiste, die in Deutschland junge Menschen für den Krieg gegen den Westen rekrutieren. Bisher steht es ungefähr hundert zu eins für die Islamisten. Denn der deutsche Verfassungsschutz schätzt, dass etwa siebenhundert Männer und Frauen aus Deutschland zum IS gingen – und da ist einer, der zu den Kurden ging, einer von einer Handvoll Mutiger: Hans Schneider.

Nun steht er an vorderster Front. Ein paar Meter weiter steht der IS. Von dort bis nach Rakka gehört alles der schwarzen Miliz Allahs. Schneiders Kommandeur, ein ehemaliger Kinderarzt, den sie "Doktor" nennen, hat Hans an diesen einsamen Frontstützpunkt geschickt, wo ein Dutzend kurdische Kämpfer gemeinsam mit sechs bärtigen Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) ein paar verlassene Häuser gegen den IS verteidigen. Die Kämpfer sollen den Deutschen kennenlernen, der auf ihrer Seite steht. Küsschen auf die rechte Wange, Küsschen auf die linke. In der Ferne ist das Knattern von Maschinengewehren zu hören. Ein syrischer Rebell führt Hans Schneider herum, deutet auf die Schützengräben und sagt, dass er da hineinspringen soll, falls der IS kommt. Dann lacht er, nimmt Schneiders Hand und zieht ihn in den Schatten.

Zwölf raue, vom Krieg verhärmte Gestalten sitzen auf Holzbänken und schlürfen süßen Tee, rauchen, scherzen. Ein Kurde hat den Arm um Schneiders Schulter gelegt und stellt Fragen: Wo er herkomme? Deutschland. Warum er hier sei? Um Terroristen zu töten. Lachen, Schulterklopfen, mehr Tee. Was er vom syrischen Präsidenten Baschar al-Assad halte? Oje. Schneider lächelt verlegen und sagt nichts. "Baschar ist eine Hure", zischt ein Syrer, und alle in der Runde hauen sich auf die Schenkel und verschütten Tee auf ihre Uniformhosen. Sie erzählen sich Schauergeschichten vom IS. Das seien Zombies, behauptet einer, die man nur mit einem Schuss in die Stirn töten könne. "Unsinn!", sagt ein anderer. "Die sind vollgepumpt mit Drogen. Die spüren gar nicht, wenn sie getroffen werden."

Plötzlich ruft der Späher auf dem Dach seinen Kameraden etwas zu und wischt das Lächeln aus ihren Gesichtern. Sie greifen nach den Gewehren und rennen hinter den Schutzwall. Ein Kurde legt seine Hand ans Ohr. "Hörst du das?", fragt er Hans. Schneider nickt. Nicht weit entfernt ist das Brummen eines Motors zu hören. "Das muss von dort kommen", sagt der Mann und zeigt auf eine Baumreihe etwa dreihundert Meter entfernt. Schneider hebt den Kopf und schaut mit zugekniffenen Augen für einen Moment über die Böschung. Nichts zu sehen. Dann feuern sie mit ihren Maschinengewehren in die Richtung, in der sie das Auto vermuten. Hans Schneider liegt hinter dem Wall aus aufgeschütteter Erde, den Finger am Abzug. Doch niemand schießt zurück.