Rund zwanzig Millionen Menschen leben in Teheran, ein großer Teil von ihnen macht sich täglich auf den Weg, ins Büro, zur Schule, in die Fabrik, zu den Verwandten, manchmal auch zu einem Gefangenen, denn das berüchtigte Evin-Gefängnis liegt mitten in der Stadt, ein weithin sichtbares, furchteinflößendes Denkmal des Regimes. Die endlose Karawane zieht also immerzu durch die Straßen Teherans, beladen mit den Geschichten dieser vielen Millionen, mit ihren größeren und kleineren Hoffnungen, mit ihren ganz alltäglichen Sorgen. Vorangetrieben wird diese gewaltige, nach Abgasen stinkende, brüllende Prozession von dem Überlebenswillen dieser Menschen, von ihrem Versuch, irgendwie zurechtzukommen in diesem Dschungel von Stadt, unter diesem Willkürregime, das jeden, morgen schon, in ein Verlies werfen kann. Teheran ist, so gesehen, auch eine Stadt von zwanzig Millionen Überlebenden.

Taxis sind das bewährte Mittel der Fortbewegung, sie sind flexibel, sie sind nicht teuer, sie stehen immer zur Verfügung, und man kann zu anderen Fahrgästen zusteigen, sich ein wenig unterhalten und wieder aussteigen. Wer je in Teheran Taxi gefahren ist, weiß, wie gesprächig die Fahrgäste sein können. Das Innere eines Taxis ist ein Ersatz für den öffentlichen Raum, der von den Wächtern der Islamischen Republik kontrolliert wird. Was man draußen nicht sagen kann, sagt man drinnen. Hier kann sich die streitbare und quicklebendige Kultur des Irans entfalten, weil sich die Menschen vorübergehend unbeobachtet fühlen. Ein Teheraner Taxi ist eine Freiheitsbox auf Rädern.

Natürlich ist es auch im Taxi riskant, offen zu reden, es könnte ja sein, dass der Taxifahrer ein Denunziant ist. Andererseits geht alles sehr schnell, vielleicht zu schnell für die Wächter des Regimes. Der Fahrgast steigt ein, schüttet sein Herz aus, raunzt, mault, stänkert und lacht, über die da oben und über alle anderen dazu – dann verschwindet er wieder in der brodelnden Metropole Teheran. Seine Chancen, anonym zu bleiben, sind recht hoch. Jeder Fahrgast ist ein gejagtes Wild, das entkommt.

Der iranische Regisseur Jafar Panahi hat sich ans Steuer eines Taxis gesetzt. Und damit ans Steuer seines neuen Films. Denn eigentlich ist ihm das Filmemachen vom Regime im Jahr 2010 verboten worden. "Propaganda gegen das System", urteilte ein Gericht, sechs Jahre Haft, zwanzig Jahre Berufsverbot. Aber Panahi macht einfach weiter, oder sagen wir so: Er tritt in Filmen auf, die mit ihm zu tun haben oder in denen er selbst die Hauptrolle spielt. Taxi Teheran, der den Goldenen Bären der vergangenen Berlinale gewann, ist sein dritter Film nach der Verurteilung.

Panahi fährt also Taxi, und die im Wagen installierten Kameras laufen mit.

In fließend montierten Szenen ergießt sich das pralle Leben wie eine Sturmflut in Panahis Taxi. Sie lässt sich nicht steuern, sie lässt sich nicht aufhalten. Man kann angesichts dieser atemberaubenden Präsenz nur eines tun: staunen. Das macht auch Panahi in der Rolle des Taxifahrers: Er staunt über dieses Volk, das ihm da begegnet. Es ist, als könne er nicht glauben, was er sieht und hört, und das ist auch eine Botschaft an das Regime, denn es könnte, wenn es denn wollte, hier mit eigenen Augen sehen, dass die Iraner keine gefährlichen Menschen sind, die es zu bändigen und zu unterdrücken gilt, sondern rührende Wesen, ausgestattet mit kreativer Kampfkraft.

Da ist die Figur des Taschendiebs, der sich vehement für die Todesstrafe ausspricht, während ihm eine Volksschullehrerin ebenso vehement widerspricht. Es handelt sich dabei nicht um einen banalen Streit zwischen zwei Menschen, die zufällig aneinandergeraten sind, sondern um eine mit scharfen Argumenten geführte Auseinandersetzung über ein zentrales Thema dieser Gesellschaft. Der Iran liegt in der weltweiten Statistik der Hinrichtungen nach China an zweiter Stelle. Man kann diese Auseinandersetzung im Taxi, die schauerlich, lebendig und urkomisch ist, als ein Beispiel nehmen für die demokratische Kultur des Irans, für seine Fähigkeit zur argumentativen Konfrontation – ja, für seinen Freiheitswillen.