Thomas Tuchel sitzt auf seinem Balkon des Grand Resort Hotels im Schweizer 5.000-Einwohner-Dorf Bad Ragaz. Hier, im Kanton St. Gallen, von den Einheimischen liebevoll Heidiland genannt, wo 1716 unterhalb des Benediktinerklosters das erste barocke Badehaus der Schweiz erbaut wurde, bereitet sich Borussia Dortmund in diesen Tagen auf die kommende Bundesligasaison vor. Auf 12.800 Quadratmetern bietet die Unterkunft alles, was das Herz begehrt: Thermalwasser, eine Gesundheitsküche und ein wohlig temperiertes Wellbeing & Thermal Spa. Vom Balkon aus blickt Tuchel auf die Ostschweizer Alpen, sein Co-Trainer Arno Michels ist bei ihm.

Von der idyllischen Lage und den Annehmlichkeiten des Hauses spüren die beiden Fußballlehrer nur wenig. Gemeinsam tüfteln sie am Trainingsplan für die kommende Woche. 15 Übungstage haben die BVB-Profis mit ihrem neuen Übungsleiter absolviert, in Kürze wird entschieden: Wer schafft es in den Kader der neuen Saison? Nach dem Trainingslager müssen sie entscheiden: Wer wird nicht mehr gebraucht?

In diesen Tagen werden nicht nur die Grundlagen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Thomas Tuchel und der Mannschaft gelegt, sondern auch zwischen Trainerteam und Vereinsführung. Mit der Verpflichtung des 41-jährigen Schwaben hat sich der Verein für einen Neuanfang entschieden, der, jedenfalls von außen betrachtet, kaum größer sein könnte. Wie weit die Zäsur wirklich geht, muss sich aber erst noch erweisen. Ist man in Dortmund bereit, sich vom Vertrauten zu verabschieden – ohne die Erinnerung an die Erfolge der Vergangenheit zu leugnen – und die Erfahrung zu nutzen, um die Zukunft zu gestalten?

Es gibt keine perfekten Trainer, es gibt auch keine Magier. Aber es gibt Trainer, bei denen man einfach ein gutes Gefühl hat, denen man Größeres zutraut. Dazu zählt Thomas Tuchel. Er trainierte bisher Mainz 05, Profititel kann er noch nicht vorweisen, aber er hat keine Angst vor der Erwartungshaltung, die in Dortmund leicht jede Grenze überschreitet. Er gibt nichts auf die heimliche Häme, die man ihm entgegenbringt. Tuchel ist mutig, aber er ist auch Realist. "Ein Verein wie Borussia Dortmund darf niemals nur ein Gesicht haben", sagt Thomas Tuchel, "egal, in welchem Zustand er sich befindet." Sicher, es gibt den Trainer, aber es gibt auch den Präsidenten, den Sportdirektor, die Spieler und die Fans. Keiner kann sich hinter dem anderen verstecken.

Am vorvergangenen Freitag verlor der BVB im Lokalderby gegen den Zweitligisten VfL Bochum. Über das Ergebnis und mehr noch über die Art des Dortmunder Spiels hat sich Tuchel geärgert. Wie in den dunklen Momenten der vergangenen Saison bestimmten seine Leute das Spiel. Bochum gewann 2:1. Es war nur ein Testspiel, er hat sich trotzdem darüber geärgert, beobachten zu müssen, wie sein Team, das Spiel dominierend, in den entscheidenden Momenten dem Druck nicht standhielt.

Die Erinnerung an das Spiel begleitet ihn bis in die Schweizer Berge: "Es gibt individuelle und verteidigungstaktische Dinge, die wir dringend verbessern müssen. Wir standen nicht immer optimal, haben uns die Räume wegnehmen lassen. Auch gegen den Ball müssen wir gruppentaktisch zulegen." Vom ersten Tag an spürte er die Lust der Spieler, vom neuen Trainer etwas Neues zu lernen, sich weiterzuentwickeln. "Ich habe auch gesehen, wie strapaziös die vergangene Saison für jeden einzelnen Spieler war." Der Absturz des Vizemeisters – vorübergehend auf den letzten Tabellenplatz – sei nicht spurlos an der Mannschaft vorübergegangen. "Wenn du verlierst, aufstehst und wieder verlierst, wieder und wieder, diese Enttäuschung nimmt dich brutal mit", sagt Tuchel. Viele hätten aufgrund des Erfolgsdrucks auch "körperlich gelitten".

Blockaden lösen, sagt Tuchel, gehe nur mit "Ruhe und Bescheidenheit"

Bei der Niederlage in Bochum habe man in den Gesichtsausdrücken der Spieler lesen können: "Scheiße, jetzt geht das schon wieder los – spielerisch überlegen und trotzdem geschlagen." Tuchel sagt, diese Blockaden müsse er lösen, und das gehe nur mit "Ruhe und Bescheidenheit".

Ruhe und Bescheidenheit? Das hat man von einem Erstligatrainer selten gehört – erst recht nicht in Dortmund.