Diese Frau gibt nichts preis, und dennoch steht sie ziemlich nackt da. Das hochgeschlossene Gewand gaukelt nur Züchtigkeit vor, in Wahrheit enthüllt der hauchdünne Stoff alles. Die Fasern scheinen mit der Haut verschmolzen, so ungehindert erblickt man die Brüste, die Bauchlinie und die wohlgeformten Schenkel. Nur das Geschlecht ist eine undefinierte Fläche, hier verbot sich in der Zeit um 1860 die Detaillierung. Fast demütig neigt die Tänzerin den Kopf, während sie ihr Gewand rafft und zu ihrer Choreografie ausholt. Das Gesicht der jungen Dame ist klassisch idealisiert, überhaupt wirkt sie ziemlich unterkühlt in ihrem makellos weißen Marmor. Aber genau in dieser eingefrorenen Erotik liegt der Reiz der Skulptur, die derzeit beim Bamberger Kunsthändler Christian Eduard Franke für 42.000 Euro zu haben ist.

Joseph von Kopf (1827 bis 1903), der Bildhauer der 68 Zentimeter hohen Statue, lebte viele Jahre in Rom, wo er sichtlich den Klassizismus von Antonio Canova und Bertel Thorvaldsen aufgesogen hat. Er war ein eher konservativer Akademiker und im Kaiserreich hoch erfolgreich. Wilhelm I. ließ sich von ihm mehrmals porträtieren. Heute ist Kopf weitgehend vergessen, und in der Tat lohnen nicht alle seine Werke die Wiederentdeckung. Aber diese Tänzerin mit ihrem merkwürdig keimfreien Sex-Appeal lohnt auf alle Fälle. Sie ist eines von vielen Objekten, die bis 21. August während der Bamberger Kunst- und Antiquitätenwochen zu entdecken sind (mehr unter: www.bamberger-antiquitaeten.de). Es ist ja längst kein Geheimnis mehr, dass die fränkische Stadt mittlerweile mit dem besten Antiquitätenangebot in Deutschland aufwarten kann. Werke wie dieses beweisen es.

Der Autor ist stellv. Chefredakteur von "Weltkunst" und "Kunst und Auktionen".