Auf vielfachen Wunsch der Kritik, so könnte man sagen, hat Ulrich Peltzer mit Das bessere Leben einen politischen Roman geschrieben. Peltzer ist in diesem Genre ein ausgewiesener Könner. Ihm traut man zu, die größte Gefahr, die diese Gattung birgt, zu umschiffen: dass sie zum Holzschnittartigen neigt, zur Vereinfachung im Namen der guten Sache. Der Leser ahnt dann recht bald, dass die Welt vermutlich genauso schlimm, aber doch nicht ganz so trivial ist, wie der politische Schriftsteller sie malt.

Diesen Vorwurf muss Ulrich Peltzer nicht fürchten. Das bessere Leben macht es sich nicht einfach mit der Darstellung der Wirklichkeit. Es setzt sie gewissermaßen fortlaufend in Anführungszeichen. Es ist kein Buch der schnellen Antworten, kein Roman, der die Wirklichkeit durchschaut und dem Leser mitteilt, wie die Dinge in Wahrheit liegen. Stattdessen ist es ein skrupulöser Roman, der erzähltechnisch auf Augenhöhe sein möchte mit der Komplexität jener Welt globalisierter Kapitalströme und kontingenter Lebensläufe, die er in den Blick nimmt.

Kritisches Bewusstsein und Komplexitätshöhe sind oft umgekehrt proportional. Je mehr Komplexität man der Wirklichkeit zutraut, desto schwieriger wird es, sich selbstgewiss kritisch zu den bestehenden Verhältnissen in Bezug zu setzen. Nicht zufällig hat man dem Cheftheoretiker der Komplexität, Niklas Luhmann, einen Hang zur Affirmation vorgeworfen.

Peltzers politische Ästhetik ließe sich deshalb kennzeichnen als der Versuch, kritisches Bewusstsein und Komplexitätsbewusstsein gleichermaßen stark zu machen. Das ist eine Herkulesaufgabe. Schauen wir, wohin das führt.

Er scheint überraschend platt zu beginnen. Auf den ersten Seiten begegnen wir typischen Managerfiguren, die für internationale Unternehmen arbeiten, denen das Vokabular des Finanzkapitalismus locker von den Lippen geht, die auf ihren Computerbildschirmen Aktienkurse verfolgen und in angespannten Konkurrenzverhältnissen zueinander stehen. Um was für Geschäfte es sich genau handelt, bleibt dunkel, aber dass es nicht immer mit rechten Dingen zugeht, ahnen wir, wenn Jochen Brockmann, Salesmanager für einen italienischen Hersteller, in der Schweiz Schwarzgeld parkt.

Wenn der undurchschaubare Sylvester Lee Fleming, irgendwie als special agent in der Versicherungsbranche unterwegs und zur Zeit der Handlung des Romans in São Paulo, vom "großen Rahmen für Prosperität und sozialen Fortschritt" redet und "das Unvermeidliche auf die zivilste, eine die Interessen aller nicht aus den Augen verlierende Weise zu regeln" verspricht, ahnen wir, dass sich hinter diesen Euphemismen nur der blanke Eigennutz versteckt.

Die Abgründe des Nihilismus werden nur notdürftig mit Geld gestopft

Das wäre die schlichteste Form von Kapitalismuskritik: Unter den Nadelstreifen stecken Zocker oder noch üblere Ganoven, denen jedes Mittel für den eigenen Vorteil recht ist. Doch dabei bleibt der Roman keineswegs stehen.

Denn nach und nach bekommen seine Protagonisten, deren Beziehungen zueinander lange vage bleiben, eine Vergangenheit. Interessanterweise oft die eines kämpferischen, linken Idealismus. So muss Sylvester Lee Fleming in jungen Jahren Zeuge geworden sein, wie eine von ihm bewunderte Studentin, die gegen den Vietnamkrieg protestierte, auf dem Universitätscampus in Ohio von der amerikanischen Nationalgarde erschossen wurde. Viele von Peltzers Figuren haben einen solchen biografischen Hintergrund aus der Zeit der großen Politisierung. Einst glaubten sie, die Welt durch einen revolutionären Akt zu einem besseren Ort machen zu können. Nun, nach dem Ende der Utopien, sind sie erfolgreiche Manager, aber keineswegs eindimensional, sondern gebrochene Figuren, die die Frage nach dem Sinn nicht loslässt.

Von dem Moment an, da wir mit der Ambivalenz dieser Figuren vertraut gemacht werden, gewinnt der Roman an Höhe. Das bessere Leben, das zu Beginn des neuen Jahrtausends spielt, beschreibt Lebensläufe in Zeiten des globalen Kapitals. Aber der Roman wählt nicht wie etwa Tom Wolfe in Fegefeuer der Eitelkeiten die banale Lösung, wonach die Menschen nur von Geldgier getrieben werden, der Kapitalismus mithin nichts anderes ist als ein Bestiarium der Triebe.

Bei Peltzer sind die Menschen nicht besser, aber ihre Motivlage ist vielschichtiger. Es geht um Anpassungen an die Wirklichkeit und um Transformationen ursprünglicher Energien: Der dogmatische Maoist von einst wird zum subtilen Cineasten, der die Aporien des Terrorismus der siebziger Jahre am Beispiel der Filmgeschichte reflektiert. Jochen Brockmann ist zwar ein banaler Salesmanager, aber von der "Knete", die er verdient, legt er sich eine Sammlung von Beuys- und Hockney-Zeichnungen zu, deren schöpferische Welterzeugung die bloße Reproduktionsnotwendigkeit transzendiert. Und Sylvester Lee Fleming, die enigmatischste Figur, hat gewissermaßen die Marxsche Geschichtsphilosophie privatisiert, sodass er, indem er sich rücksichtslos bereichert, sich zugleich als Vollstrecker eines notwendigen Geschichtsprozesses sieht.

Was ist es, das die Menschen umtreibt, fragt Peltzers Roman. Und die naheliegende Antwort, money makes the world go round, genügt ihm nicht. Die Welt zu durchschauen und ihr Spiel besser als alle anderen zu spielen, kann ein Motiv sein. Da schlüge dann Welterkenntnisinteresse in Weltbeherrschungswillen um. Aber ebenso sind es Träume und Traumatisierungen. Und immer wieder der Wunsch, angesichts der eigenen Endlichkeit eine zumindest behelfsmäßige Antwort auf die Sinnfrage geben zu können.