Es gehört zum Wesen von Tragödien, dass niemand sie verhindert. Dass Menschen dem Abgrund entgegentorkeln, schier unaufhaltsam. Der Fall von Ilse und Otto W. ist so eine Tragödie, das ist jetzt überall zu hören, seitdem die Rentner in ihrer Wohnung in Farmsen-Berne Feuer legten. Seitdem sie am vergangenen Freitag offenbar freiwillig aus dem Leben schieden, weil sie nicht ausziehen wollten. Doch war sie wirklich so unaufhaltsam, diese Tragödie?

In der Wohnung von Ilse und Otto W. sah es aus wie bei vielen Älteren: Bemalte Teller hingen an der Wand, Kännchen aus Messing thronten im Regal, zwei blaue Sessel standen im Wohnzimmer. Darin saßen sie im Juni noch, Otto hielt Ilses Hand, als eine Reporterin von Spiegel TV zu Besuch war im Buchnerweg, um über den "Albtraum energetische Sanierung" zu berichten. Otto W. sprach mit fester Stimme. "Die ganze Belastung, das ist einfach zu viel für mich", sagte der 85-Jährige. Seine Frau lächelte scheu.

Im Hintergrund hörte man das Hämmern und Bohren der Bauarbeiter. Es hämmerte und dröhnte durchs ganze Gebäude, 1967 erbaut, mit durchgezogenen Betonböden, das ganze Haus ein schauriger Schallträger. Otto W. hielt einen gelben Gehörschutz in der Hand, sein Gesicht war fahl. Er sagte: "Ich könnte jetzt einen Herzinfarkt kriegen und fall um. Und was ist dann mit meiner Frau? Die kann sich allein nicht helfen. Die ist auf mich angewiesen." Seine Frau erlitt vor drei Jahren einen Schlaganfall, Otto W. pflegte sie.

Ein Mann in großer innerer Not sprach da, ein Verzweifelter, der schließlich sagte, dass er sich etwas "ganz klar" überlegt habe für den Fall, dass er tatsächlich rausmüsse aus seiner Wohnung, die Kündigung hatte er bereits erhalten: "Dann machen wir das eben so, dass wir woanders hingehen", sagte Otto W. "Wo uns keiner kriegen kann." Was das heißen solle, fragte die Reporterin. Der fahle alte Mann sagte: "Ja, das ist Suizid. Ganz einfach."

Vergangenen Freitag hat Otto W. seine Ankündigung offenkundig wahr gemacht. Er und seine Frau starben in ihrer Wohnung, die genauen Umstände werden noch untersucht, klar ist bislang: Ein Feuer brach aus im Schlafzimmer von Ilse W., und als Bauarbeiter die Flammen morgens gegen sieben Uhr entdeckten, war es zu spät. Eine Tragödie, gewiss. Aber unaufhaltsam?

Seit Jahren lag Otto W. im Streit mit seinem Vermieter, der Baugenossenschaft Dennerstraße-Selbsthilfe. Er beschwerte sich über Schimmel und anderes, sein Ton wurde immer rauer, immer unerbittlicher. Im vergangenen Herbst eskalierte der Konflikt endgültig, als die Genossenschaft ankündigte, das marode Haus mit den 80 Wohnungen komplett zu sanieren, "im bewohnten Zustand": Innen werden Bäder und Küche entkernt, alle Leitungen neu verlegt. Vier Wochen wohnen die Mieter in einer Art Rohbau, zum Waschen gibt es einen Sanitärcontainer an der Straße. Außen wird die Fassade gedämmt, die Balkone werden abgerissen und neu gebaut.

Otto W. wohnt seit 47 Jahren in dem Haus, aber er wollte keine Sanierung mehr. Er öffnete seine Tür nicht, als die Sozialpädagogen der Genossenschaft bei ihm klingelten und mit ihm über die Bauarbeiten reden wollten.