Als er dann endlich entlassen war und ins Freie drängte, vorbei an all den Reportern und Fotografen, die vor dem Gerichtssaal lungerten, um ihn und seine Schande noch einmal zu besichtigen, als er sich schließlich davonmachte gen Paris, weil er es nicht mehr hören konnte, dass er, Adolf Loos, einer der bedeutendsten Architekten seiner Zeit, nun als schäbiger Lüstling gelte, ein Mädchenschänder, als Loos also nur noch ein Schatten seiner selbst zu sein schien, da hätte wohl jeder unbeteiligte Beobachter geglaubt, nun sei es gewiss vorbei mit diesem Mann, mit seiner Ehre und seinem Ruhm. So schuldig, wie das Gericht ihn sah, würde auch die Nachwelt ihn sehen. Doch kam es, wie es kommen musste, nämlich anders.

Mit 57 Jahren war Adolf Loos, geboren 1870 in Brünn, gestorben 1933 in Wien, am Tiefpunkt seines Lebens: angeklagt des "Verbrechens der vollbrachten und versuchten Schändung sowie der vollbrachten und versuchten Verleitung zur Unzucht". Drei Mädchen im Alter von acht bis zehn Jahren, Erika, Marie und Ida, alle aus einfachsten Verhältnissen stammend, sollte er im Sommer 1928 in seiner Wohnung entkleidet, gebadet und unsittlich berührt haben. Am Ende des Prozesses konnte er von Glück reden, dass ihn der Richter nur zu "vier Monaten strengem Arrest" verurteilte, ausgesetzt zur Bewährung.

Noch glücklicher durfte er sich schätzen, dass seine vielen berühmten Freunde weiter zu ihm hielten, der Komponist Arnold Schönberg, der Maler Oskar Kokoschka und allen voran der Schriftsteller Karl Kraus. Als Loos nur fünf Jahre nach seiner Verurteilung gestorben war, hielt Kraus eine Grabrede, die den Architekten einmal mehr in den höchsten Himmel der Avantgarde hob: "dem Zukünftigen warst Du unsterblich verbunden, ihm hast Du das Leben vorbereitet, gereinigt, und wohnbar gemacht". Die Stadt widmete ihm ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof, Loos war als Held gestorben. Und als Held würde er auch heute erinnert – wäre nicht kürzlich die lange verschollene Gerichtsakte wieder aufgetaucht.

Noch immer gibt es in Wien eine Adolf-Loos-Gasse und einen Adolf-Loos-Weg. Noch immer durchzieht ein Asteroid, nach Loos benannt, die Weiten des Universums. Und auch viele Museen halten unverbrüchlich daran fest, dass ohne diesen Architekten, ohne seine vom Ornament befreiten Fassaden, ohne die neuartigen Grundrisse und überhaupt ohne seine glühenden Ideale die Baugeschichte des 20. Jahrhunderts nicht zu denken sei. Von Pädophilie wollen sie am liebsten nichts wissen, das habe ja nichts zu sagen, das ändere nichts an der Bedeutung dieses Mannes und seiner großartigen Hinterlassenschaften, den Villen, Interieurs und seinen kühnen Schriften. Schon der Loos-Freund Rudolf Ploderer, ein Rechtsanwalt, hatte formuliert, was manche bis heute denken: "Selbst wenn etwas vorgefallen sein sollte, hat es dieser edle Mensch sicherlich in einer Weise getan, bei der das ›sittliche Empfinden‹ des Kindes keinen Schaden gelitten haben kann."

Doch mit dem Abwiegeln und Kleinreden der letzten Jahrzehnte ist es vorbei, seitdem der Literaturwissenschaftler Andreas Weigel mit hartnäckigen Recherchen und diversen Publikationen darauf drang, den Pädophilieprozess nicht länger abzutun als einen nebensächlichen "Konflikt mit dem bürgerlichen Moralkodex" (der Loos-Forscher Adolf Opel). Zudem hat der amerikanische Historiker Christopher Long gerade sein detailreiches Buch Der Fall Loos vorgelegt (Amalthea Verlag), das die Hintergründe ausleuchtet. Und bei einer Wohnungsentrümpelung tauchten zuletzt die Vernehmungsakten von 1928 wieder auf, die offenkundig ein Mitarbeiter des Archivs, selber pädophil veranlagt, entwendet hatte. Sie wurden eingescannt und lassen sich nun online abrufen, rund 300 schwer entzifferbare Seiten, die es erstmals erlauben, den Prozess akribisch zu rekonstruieren. Und die zu einer lange überfälligen Debatte auffordern: Was ist tatsächlich vorgefallen? Wie ist es zu bewerten? Vor allem aber: Was bleibt vom heroischen Loos? Und wie verändert sich der Blick auf seine Bauten?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 31 vom 30.07.2015.

Erstmals entflammte dieser Streit um Ethik und Ästhetik, als vor Kurzem das MAK in Wien, das Museum für angewandte Kunst, eine große Ausstellung zeigte, in der auch das Schlafzimmer zu sehen war, das Loos 1903 für seine erste Frau Lina eingerichtet hatte. Ein Traum von schneeweißer Unschuld, ganz ohne die damals üblichen schweren Möbel, dafür rundum versehen mit hellen Vorhängen und flauschigen Fellen auf Bett und Boden – eine Einladung zum lustvollen Fläzen. Erhalten hatte sich das Ensemble nicht, es musste für die Ausstellung mit großem Aufwand rekonstruiert werden. Nicht erwähnenswert fanden die Kuratoren, dass es just dieses Zimmer war, von dem die kleine Marie später berichtete: Hier habe Loos sie "in das Bett getragen u. hat mich an meinem Geschlechtsteil geschleckt".

Einige Medien in Wien machten dem Museum schwere Vorwürfe: Wie könne man so borniert, so naiv sein! Das Leid der Kinder werde ignoriert, nur um ungestört der schönen Gestaltungskunst zu frönen! Die Kuratoren reagieren ihrerseits mit Unverständnis. Das Bett sei doch schon 25 Jahre vor dem Prozess entstanden und außerdem längst von den Motten zerfressen gewesen, als die Kinder in die Loossche Wohnung kamen.