Nichts und niemand bezieht seit einigen Jahren so kontinuierlich Dresche von allen Seiten wie die Berliner Lifestyle-Bigotterie. Eine Abneigung, die sich vor allem auf den Phänotypus dieses Lebensgefühls kapriziert: die Latte macchiato trinkende Prenzlbergmami. Wer sich dieses gleichermaßen abgegrasten wie emotional besetzten Sujets in einem Roman annimmt, sollte also einen außerordentlich interessanten Zugriff entwickeln, sofern er nicht krachend scheitern möchte.

Auf Anke Stellings nunmehr fünften Roman Bodentiefe Fenster scheint das zunächst nicht zuzutreffen. Sandra, fürsorgliche Mutter mit Mann und Kindern, backt darin Zimtwecken für zahlreiche Kindergeburtstage und besucht vorbildlich die wöchentlichen Diskussionsrunden ihrer Baugruppe. Der berufliche Wiedereinstieg nach zwei Schwangerschaften hat nicht so hingehauen wie gewünscht, daher schreibt sie Artikel auf freier Basis – eigentlich. Zurzeit sucht Sandra ihren coworking space lediglich auf, um ein paar Stunden zu schlafen. Denn nicht nur die Bedürfnisse der Kinder zehren an ihr. Deutlich belastender sind die eigenen Anforderungen an das sonnenbeschienene, ungezwungene Familienglück inklusive persönlicher und beruflicher Selbstverwirklichung. Unglücklicherweise verpflichten die bodentiefen Fenster zusätzlich dazu, all das permanent für die Außenwelt nachzuweisen. Es gilt, "lässig zu bleiben beim Kochen und Backen, genauso wie bei der Kinderaufsicht und allen anderen mütterlichen Aufgaben. Sich zweizuteilen, in Wahrheit über wichtigere Dinge nachzudenken, sich mit Freunden zu unterhalten, Wein zu trinken, Utopien zu entwerfen. Alles gleichzeitig zu machen und zu sein." Das lässige Selbstverständnis als Knochenjob.

Mit einer ordentlichen Portion Erneuererstolz in der Stimme lässt Stelling ihre Erzählerin vom scheinbar spielerisch gelingenden Mix aus großstädtischer Boheme und Reformpädagogik berichten. Durch Sandras flapsigen, an Frauenratgeberliteratur geschulten Duktus desavouiert die Autorin die entspannt-liberale Haltung ihrer Heldin in oft hochironischer Manier, etwa wenn Sandra die Vorteile behinderter Kinder anpreist, "sind die nicht besonders wonnig oder werden berühmte Charakterdarsteller?" So weit, so Schema F. Doch allmählich moduliert die Autorin die Tonart, nach der das Sprechen über die Prenzelbergmami bislang verlief. Erst erschlafft die Supermutti durch Erschöpfung, Verlust- und Versagensängste zur zitternden Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, die beim Wäschefalten den Tod ihrer Kinder herbeifantasiert. Und dann lässt Stelling plötzlich Empathie zu bei dem Blick auf Sandra, "Krusten pulend, Wickel wechselnd. Globuli zählend. Allein".

Nun ist die Gesellschaftsgruppe, die Stellings Sandra repräsentiert, so unglaublich unpopulär, dass ihr Scheitern statt Sympathie nur Häme hervorruft. Soll sie doch einfach ein paar Zimtwecken weniger backen und mal das Plenum schwänzen! Allerdings lässt Bodentiefe Fenster genau diese automatisierten Beißreflexe ins Leere schnappen. Statt ihre Erzählerin als stellvertretende Pappkameradin für ein Lebensgefühl zu umreißen, das mit größtmöglichem Lustgewinn durch den Kakao gezogen wird, lässt die Autorin ein aufrichtiges Interesse an dem komplexen Psychogramm dieser Frauenfigur erkennen. Dafür holt sie fast nebenbei den familiären Hintergrund ihrer Hauptfigur ein, deren Mutter die Reformpädagogik zum Lebensmodell, das Kind zum Projekt erhob und zusehends in der Mutterrolle versackte. Dann gibt’s da die kapitulierende Tante, die sich und ihren Kindern das Leben nahm. Eine ausgebrannte Bekannte, deren Adoptivkind denselben tödlichen Weg ging. Und Sandras Schwester, die ihre Kinder alles selbst entscheiden lässt und allmählich unterworfen wird von ihrer tyrannischen Brut. Dieses dunkle Hintergrundrauschen voll von Tot und Wahnsinn plausibilisiert nicht nur Sandras permanente Verunsicherung, sondern auch die Hoffnungen, die sie mit ihrem hip-saturierten Lebensmodell verbunden hat.

Und urplötzlich kämpfen wir Leser nicht mehr nur mit dem unregulierten Gefühlshaushalt Sandras, deren Schilderungen keine Unterscheidung mehr zwischen Angstfantasien und Wirklichkeit zulassen. Sie kämpfen auch mit ihrer Positionierung zu dieser Mami, welche Stelling von tiefer Verachtung in ehrliche Sympathie gedreht hat. Wie sie diese launige Demontage des Lieblingsfeindes bruchlos in einen seriösen Kommentar zur Erschöpfungsgesellschaft überführt, ist nichts weniger als eine erzählerische Großtat.