Es gibt Momente, in denen die Politik mitreißend und erhebend sein kann, auch mitten in all dem Wahnsinn unserer heutigen Dauerkrisen. Am Montag zum Beispiel, als Barack Obama in Kenia auftrat, der Heimat seines Vaters. Er hätte sich dort einfach nur feiern lassen können. Aber der erste schwarze Präsident Amerikas hatte eine schwierige Botschaft mitgebracht – über den realen Rassismus und den Rassismus als Ausrede: Mein Großvater, so Obama, musste sich als Koch beim britischen Militär noch als alter Mann "boy" rufen lassen. Ihr aber müsst keinem fremden Herrn mehr dienen. Ihr seid heute in Kenia die Herren der eigenen Zukunft.

Damit sie gelingen kann, müsst ihr mit der Korruption, dem Stammesdenken, der Hetze gegen Schwule und der Benachteiligung der Frauen aufhören. Wenn ein Team die Hälfte seiner Spieler nicht aufs Feld lässt, "dann ist das schlicht dumm".

Obama verkündet: Die Erfahrung von Rassenhass, Kolonialismus und Imperialismus kann die Rückständigkeit von heute nicht erklären, die Afrikas Jugend übers Meer nach Europa und Amerika treibt. Ihr gehört zur selben Welt wie wir. Ihr könnt es schaffen. Schaut mich an! Akzeptiert nicht, wenn eure korrupten Führer sich auf die Schuld des Westens und die "andere Kultur" Afrikas herausreden, um euch kleinzuhalten.

Kenias superreicher Präsident Uhuru Kenyatta lächelte dazu – süßsäuerlich.

Das war nicht der einzige Moment der jüngsten Zeit, in dem plötzlich der Hoffnungsträger Obama wieder auftauchte, eine Gestalt, die man schon fast vergessen hatte – und die vom Präsidenten Obama scheinbar schon zu Grabe getragen worden war. Zu gespalten das Land, zu chaotisch die Weltlage, zu sehr Amerika durch Kriege überdehnt und ausgelaugt, als dass dieser Präsident noch würde gestalten können. So sah es vor einem Jahr aus.

Und dann das: ein Deal mit dem Erzfeind Iran über dessen Atomprogramm! Die wechselseitige Eröffnung von Botschaften mit dem kleineren Erzfeind Kuba! Die Gesundheitsreform vom Obersten Gericht bestätigt! Die Homo-Ehe durchgesetzt! Und dann die Reden: Der Präsident prangert die hohe Rate von schwarzen Jugendlichen in Gefängnissen an; er besucht einen Knast in Oklahoma; er erklärt den Rassismus nach dem Terrorakt von Charleston zur unbewältigten Schande des Landes; er singt mit der Trauergemeinde das Lied Amazing Grace – gegen die Versklavung der Schwarzen. Was ist in ihn gefahren?

Nach einem ungeschriebenen Gesetz der amerikanischen Politik dürfte es Obamas kraftvolle Auftritte eigentlich nicht mehr geben. Die Gestaltungsmacht eines Präsidenten ende, so dachte man, spätestens – nach den Zwischenwahlen – in der Mitte der zweiten Amtszeit. Danach gilt der Präsident als lame duck, lahme Ente, zumal wenn die Opposition zulegt wie im November.

Doch Obama wirkt wie erlöst, verblüffend furchtlos und mit sich im Reinen. Er scheint beweisen zu wollen, dass dies eben doch möglich ist: angstfreie Politik, die sich weder von Rücksicht auf mächtige Gegner noch auf die vermeintlichen Sachzwänge oder vom Risiko des Scheiterns den Schneid abkaufen lässt.

Obama war so kontrolliert, dass er einen "Wut-Übersetzer" brauchte

Es ist kein Zufall, dass die politische Selbstentfesselung Obamas eng mit dem andauernden Rassismus zusammenhängt, der in den Vereinigten Staaten derzeit täglich sein hässliches Haupt erhebt. Dabei hat Obama das Thema früher gemieden, wo immer es ging: nur ja nicht als Präsident der Schwarzen wahrgenommen werden! So landete er im Dilemma: Er wusste stets, dass er vielen Weißen zu schwarz und vielen Schwarzen zu weiß war. Ausgerechnet bei der komplizierten Sache mit der Hautfarbe wirkte der erste schwarze Präsident immer wie blockiert.

In seiner Autobiografie hat er beschrieben, wie er früh im Leben den Trick lernte, als junger Schwarzer nur ja nicht wütend zu erscheinen, um die Weißen nicht zu irritieren. Das ist nach dem Terrorakt von Charleston endgültig vorbei. Er redet nun endlich von der strukturellen Benachteiligung, von der Armut, von der Polizeigewalt, vom Irrsinn des Gefängnissystems. Er sei so kontrolliert, dass er einen "Wut-Übersetzer" brauche, hat er vor Kurzem noch über sein Image als entrückter Intellektueller gewitzelt. Jetzt wird er selbst zum Wut-Übersetzer der Nation.

Innen- und Außenpolitik sind dabei auf eine seltsame Weise miteinander verbunden: Weil Obama den Rassismus daheim so beherzt angreift, kann er in Afrika glaubwürdig die Instrumentalisierung schwarzer Opfermentalität anprangern. Positiv gewendet: Dieser Mann vermag Menschen in Afrika, Amerika und Europa zu berühren: Selbstbewusstsein braucht Selbstkritik, damit es nicht als Hybris wahrgenommen wird. Das ist eine neue Art, Einfluss in der Welt auszuüben, ohne Machtgedröhne.

Dieses Motiv findet sich auch in der offensiven Haltung, mit der Obama seine Deals mit Kuba und dem Iran gegen die Kritiker im Kongress (und in Israel) verteidigt: Wir sind stark genug für die Diplomatie mit diesen Partnern. Denn wenn die Sache doch nicht aufgeht, wenn sie uns wieder austricksen wollen, haben wir immer noch alle "Optionen". Weniger vornehm: Im Zweifelsfall haben wir die dickeren Bomben. Das ist die Obama-Doktrin: Wir können es uns leisten, zu verhandeln. Es gar nicht erst zu tun, wie in den Bush-Jahren, war kein Zeichen der Stärke, sondern der Schwäche. Diese Selbstkorrektur ist richtig.

Bleiben ein paar Dinge, die auch Obama nicht zu korrigieren gedenkt: Guantánamo, allen Ankündigungen zum Trotz. Die institutionalisierte Paranoia namens NSA. Der entfesselte Drohnenkrieg. Obama ist in dieser Hinsicht nicht die Korrektur, sondern das Zerrbild seines Vorgängers: Er kann nur Diplomatie, Krieg kann er nicht. In der Sprache der Politikwissenschaft: Er hat ein Problem mit den harten Machtsorten.

Nicht zuletzt darum wollte Obama sich aus dem Nahen Osten zurückziehen. Nun wird er doch hineingezogen. Der "Islamische Staat" besetzt die Leerräume der arabischen Staatenwelt, die sich durch die US-Intervention im Irak und durch den Krieg des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad gegen sein eigenes Volk aufgetan haben. George W. Bush hat durch die Zerstörung des Iraks den IS erst möglich gemacht. Aber auch Obama hat Anteil daran: Er ist nicht entschieden gegen Assad vorgegangen, dessen barbarische Kriegsführung das IS-Monster erst auf seine heutige Größe gepäppelt hat.

Die Türkei gegen den IS zu rekrutieren ist richtig. Doch weil man sie gegen die Dschihadisten braucht, lässt man zu, dass sie die Kurden bombardiert. Dieser Deal ist faul: Bei Freunden ein Auge zudrücken – das ist die alte Logik, die den Nahen Osten erst zur Hölle gemacht hat.

Obama hat fast sechs Jahre gebraucht, um der Präsident zu werden, der er immer sein wollte. Und er hat das Amt dabei verändert.

Diese lahme Ente fliegt.

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