So zeitig wie früher steht er nicht mehr auf, mit 86 Jahren. Doch jeden Morgen macht sich Carl Manner zurecht und verlässt die stattliche Villa in Wien Neuwaldegg, die sein Großvater Josef 1916 kaufte – von dem Reichtum, den er mit Waffeln und Schokolade verdient hatte. Carl, sein Enkel, steigt in den Mercedes und fährt nach Hernals hinunter. In die Wilhelminenstraße 6, wo das Unternehmen Manner seinen Sitz hat. Immer an seiner Seite ist Angie, ein Airedaleterrier. Ein robuster, muskulöser Hund mit dichtem und drahtigem Haar. "Man glänzt nicht mit so einem Hund", sagt Manner. "Die Rasse zeichnet sich durch Unfolgsamkeit aus." Dennoch wollte der rüstige Junggeselle nie einen anderen Begleiter. Manner – mittelgroß und stets in Anzug und Krawatte – will gar nicht glänzen. Er will ein Auge auf die Firma haben, auf seine Firma. Als letzter Manner hält er im Unternehmen die Stellung. Er ist größter Aktionär, war bis vor sieben Jahren Vorstandsvorsitzender und steht heute dem Aufsichtsrat vor. Vor allem aber ist er nach wie vor in den Gängen unterwegs und mittags in der Kantine anzutreffen.

Der Patriarch verkörpert, was andere Unternehmen ihren Mitarbeitern nur mühsam auf Papier vermitteln können: den Typus des Unternehmers, dem Werte noch im Blut liegen und der alles für den Betrieb tut. Zudem steht er mit seiner Biografie für die Geschichte der Josef Manner & Comp AG. Das macht ihn in der schnelllebigen Wirtschaftswelt voller Kennzahlen, knallharter Manager und dem Diktat des Shareholder-Value zu einem glaubwürdigen Aushängeschild.

Manner lacht von der Webseite und gibt mehr Interviews als früher – besonders im Jahr des 125-jährigen Firmenjubiläums. "Ich habe jetzt wohl die Rolle, die früher mein Großvater hatte, als er nicht mehr operativ tätig war", sagt er. "Ich stehe vorn am Schinakel und deute ein bisschen, wo es hingeht."

Doktor Manner, wie ihn alle rufen, ist ein vornehmer Großbürger vom alten Schlag, der sagt, was er sich denkt. Vielleicht sitzt auch deshalb Kommunikationschefin Karin Steinhart beim Gespräch wachsam neben ihm. Auf die Frage, ob er sich die von Manner gesponserten Skispringer gern im Fernsehen ansehe, sagt er: "Nein. Die unsrigen haben heuer gepatzt, das war mir zu fad." Steinhart zuckt zusammen, nimmt es aber mit Humor. "Herr Manner ist einfach irrsinnig authentisch", sagt sie. "Für uns Mitarbeiter ist er eine Identifikationsfigur und sinnstiftend für das Unternehmen."

Im Besprechungsraum "Josef Manner" stehen dunkle Holzmöbel, an der Wand hängt ein Kreuz. Gegenüber, auf der verglasten Längsseite des Raumes, prangt das übergroße Firmenlogo: der Stephansdom. Nicht nur, dass der Großvater mit den Neapolitaner-Schnitten einen süßen Dauerbrenner schuf, dessen Rezept weitgehend unverändert blieb. Fünf Schichten Waffeln, dazwischen Haselnuss-Kakaocreme. Auch bei der Auswahl der Corporate Identity bewies er ein goldenes Händchen. Da er sein erstes Geschäft direkt neben dem Dom eröffnete, ließ er die Kathedrale 1898 als Schutzmarke eintragen. Den Domherren ist Manner seit damals freundlich verbunden. Das Unternehmen finanziert sogar einen Steinmetz, der den "Steffl" in Form hält. Selbstverständlich in rosa Arbeitskleidung. Carl Manner ist gläubiger Katholik und gab den Anstoß dazu. Immer wieder ist er im Stephansdom anzutreffen, nicht nur zu runden Geburtstagen, wenn eine Messe für ihn gelesen wird.

Anstatt auf den Tisch zu hauen, hielt er die Familienmitglieder bei der Stange

Wenn der Herr Doktor seine trockenen Aussagen absondert, hin und wieder mit dezenten Pointen garniert, dann tut er das in einem Wienerisch, das elegant über den Abgründen jeder Deftigkeit schwebt. Auf die Frage, ob er ein verwöhntes Kind gewesen sei, ist die Antwort ein knappes Ja. Viel zu brav sei er außerdem gewesen, das Einzelkind, geboren am 18. Juli 1929. Während die Weltwirtschaft in eine Krise schlitterte, bekam Carl alles, was er wollte. "Das war vielleicht nicht immer sehr gut. Man wurde zu warm angezogen und hat sich entsprechend oft verkühlt." In der Volksschule, wo er den Spitznamen Schokerl trug, fehlte er oft. Zu Hause schrieb er auf Papier, das aus der Firma stammte. Deshalb glaubte er lange, dass Papier überhaupt rosa sei. Der Einmarsch der Nationalsozialisten machte Schluss mit der Verwöhnung. "Meine Eltern waren gehorsam", sagt Manner. "Also musste ich marschieren und Heil rufen und so Quatsch."

Zudem musste er den Traum vom Autofahren aufgeben. "Mein Vater hat sein Auto bei der Behörde abgeben müssen, und man musste gezwungenermaßen auf das Rad umsteigen." Eines Nachts saß die Familie im Keller der Fabrik, und oben schlug eine Bombe in den Dachboden ein. Das Gebäude in Hernals ist historischer Boden. Bereits ein Jahr nach der Firmengründung verlegte Josef Manner den Betrieb hierher und machte die Firma zum größten Süßwarenproduzenten der Donaumonarchie. Teile des Hauses, das beinahe unter Denkmalschutz gestellt worden wäre, erinnern noch heute an die Gründerzeit, etwa die alten Werkshallen mit ihren weißgrauen Fassaden. Klar gab es Überlegungen, irgendwo einen modernen Flachbau auf die grüne Wiese zu stellen. Doch eigentlich war das undenkbar: Irgendwie gehört Manner zu Wien. Es ist ein besonderes Unternehmen mit einem ungewöhnlichen Patriarchen.