In einer deutschen Universitätsstadt scheiterte Ende der siebziger Jahre um ein Haar die Gründung eines Frauenhauses, eines Hauses also, das dem Schutz und der unbürokratisch zügigen Aufnahme geschlagener Frauen dienen sollte. Es ging um eine scheinbar periphere Personalie, die aber ins Zentrum feministischer Programmatik führte.

Bei einem Treffen der Gründungsgruppe – zusammengesetzt aus Studentinnen, einer Ärztin, einer Psychologin, einer Juristin und zweier Sozialarbeiterinnen – kam die bis dahin nicht wahrgenommene Transsexualität einer der Teilnehmerinnen zur Sprache. Ihre Anwesenheit entfachte einen Konflikt, der zum erbitterten Lagerkampf eskalierte. Inhaltlich ist er Schnee von gestern. Aber aus seinem Szenario lässt sich möglicherweise eine Schieflage ableiten, in der sich frauenpolitische Interessen und Erfolge bis heute befinden. Diese Schieflage machte sich, um ein aktuelles Beispiel zu nennen, auch bei der jüngsten Debatte um das Betreuungsgeld bemerkbar. Nur deshalb sei die Siebziger-Jahre-Story hier kurz memoriert. Nicht, um den Anekdotenschatz ideologischer Narreteien zu bereichern, die einer Dekade entstammen, über die unter anderem zu sagen wäre, dass ihr ruheloser Idealismus gerade in der Gegenwart allenthalben vermisst wird.

Um was nun ging es bei dem Streit? Letzten Endes um die Definition von Haupt- und Nebenwiderspruch.

Für die Fraktion der Radikalfeministinnen sah die Sache so aus: Ein Frauenprojekt, das männlicher Gewalt entgegentritt, verrät sich selbst, wenn es mit einer Person zusammenarbeitet, deren biologische Ausstattung eben jene patriarchale Übermacht symbolisiert, die männliche Gewalt hervorbringt. Diese Argumentation deckte sich mit den Thesen des Buches, das vor genau vierzig Jahren, im August 1975, erschien und als Grundlagentext gefeiert wurde: Alice Schwarzers Der kleine Unterschied und seine großen Folgen. Zur Erinnerung an den Jahrestag verschickte der Verlag S. Fischer jüngst eine Pressemeldung, die ein zielsicher ausgewähltes Zitat der Sprengsätze des feministischen Klassikers enthält. Sie lauten: "Sexualität ist zugleich Spiegel und Instrument der Unterdrückung der Frauen in allen Lebensbereichen. Hier fallen die Würfel."

Für die Fraktion der gemäßigten, dem sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen Spektrum zurechenbaren Feministinnen fielen die Würfel anders. Für sie sah die Sache so aus: Ein Frauenprojekt, dessen Ziel es ist, geschlagenen, in der Mehrheit unterprivilegierten Frauen zu helfen, verrät sich selbst, wenn es Wochen an Theoriediskussionen über die Genitalien einer Transsexuellen verschwendet, deren geschlechtliche Selbstzuordnung ihre persönliche Angelegenheit und deren Engagement höchst willkommen ist.

Es ist nicht so, dass der Feminismus die Unterschicht vergessen hätte

Keine der Versammelten würde heute auch nur einen einzigen ihrer damals vorgetragenen Standpunkte im Wortlaut wiederholen. Auch Alice Schwarzer hat sich von der Apodiktik ihres Sexualtheorems entfernt. Und doch hat ein Riss die Zeit überdauert. Denn rückblickend lässt sich feststellen, dass die Fraktion, die Feminismus vom Machtgefälle der Geschlechter aus definierte, die Partie für sich entschieden hat. Und jene Fraktion, die Feminismus als Beitrag zur Behebung gesellschaftlicher Klassenunterschiede verstand, in die Defensive geriet. Man könnte sagen: Simone de Beauvoir triumphierte über August Bebel. Zumindest im Westen. In der DDR hatte Emanzipation ein materialistischeres Gesicht.