1. Wie viel kosten die Flüchtlinge?

Die korrekte Antwort lautet: Keiner weiß das so genau. Um die Versorgung von Flüchtlingen kümmern sich die Kommunen. Die aber führen dafür in ihren Haushalten keine gesonderten Posten. Und so verstecken sich die Kosten für die Unterbringung, Verpflegung und Betreuung in ganz unterschiedlichen Ausgabeposten: für Gemeinschaftsunterkünfte, von denen aber auch Obdachlose profitieren. Für die Jugendämter, die aber nicht nur minderjährige Asylbewerber, sondern auch deutsche Kinder betreuen. Oder für Sozialleistungen, die aber auch Hartz-IV-Empfänger bekommen. "Wir wissen nicht, wie viel die Flüchtlinge kosten", sagt zum Beispiel der Sprecher des Hamburger Sozialsenators. "Im Moment geben wir einfach Geld aus."

Flüchtlinge müssen aber nicht nur untergebracht und verpflegt werden, die Gesamtkosten beinhalten mehr: das Geld für Sprachkurse, Flüchtlingsklassen, Arztbesuche, für zusätzliche Kapazitäten in den Sozial- und Ausländerbehörden, Polizeirevieren und Gerichten. All dies genau zuzuweisen: unmöglich.

2. Wenn niemand die Zahl kennt: Kann man sie schätzen?

Es gibt Anhaltspunkte, zum Beispiel die Daten des Statistischen Bundesamts. Das erhebt die Höhe der Sozialleistungen, die an Flüchtlinge ausgezahlt werden. Insgesamt waren das deutschlandweit 1,5 Milliarden Euro – allerdings im Jahr 2013. Aktuellere Zahlen gibt es nicht.

Aufschlussreicher sind die Pauschalen, die viele Länder an die Kommunen überweisen, damit sie Flüchtlinge versorgen können. Niedersachsen etwa zahlt pro Flüchtling jährlich 6.195 Euro. Insgesamt hat das Land in diesem Jahr 317,9 Millionen Euro für die Unterbringung veranschlagt, mehr als zweieinhalb Mal so viel wie 2014. In anderen Bundesländern sind die Ausgaben ähnlich stark gestiegen. Allerdings decken die Pauschalen nicht immer die tatsächlichen Kosten. Hinzu kommt außerdem das Geld für die Mitarbeiter in den Ämtern: Niedersachsen etwa will bis 2016 bei der Erstaufnahmebehörde 84 neue Stellen schaffen. Fazit: Selbst eine belastbare Schätzung ist kaum möglich – das sagen sogar Mitarbeiter der Finanzministerien.

3. Bund, Länder, Kommunen: Wer bezahlt was?

Die Beamten, die Asylanträge bearbeiten, werden vom Bund finanziert. Die Erstaufnahmelager, in denen Flüchtlinge leben, bevor sie auf Städte und Gemeinden verteilt werden, tragen die Länder. Die Asylheime vor Ort bezahlen die Kommunen, die dafür Geld von den Ländern bekommen. Weil die Flüchtlingszahlen stark steigen, haben einige Bundesländer in diesem Jahr Nachtragshaushalte verabschiedet oder angekündigt. In Niedersachsen etwa hat die Regierung für 2015 rund 114 Millionen Euro mehr eingeplant, in Baden-Württemberg 365 Millionen Euro, in Schleswig-Holstein rund 141 Millionen Euro. Weil die Zahl der Flüchtlinge schneller steigt, als die Haushalte nachgebessert werden, sind viele Kommunen dennoch in Geldnot. Um die zumindest abzumildern, überweist der Bund in diesem Jahr eine Milliarde Euro Sondermittel. Einige Kommunen hingegen können mit Flüchtlingen sogar ein gutes Geschäft machen: etwa, wenn die Miet- und Immobilienpreise niedriger liegen als in den Pauschalen vorgesehen.

4. Lassen sich Flüchtlinge günstiger unterbringen, wenn man sie besser verteilt?

In der einen Stadt bersten die Zeltlager, in der anderen stehen die Kasernen leer. Theoretisch könnte eine andere Verteilung der Flüchtlinge also Geld sparen. Doch so schnell wird das nicht passieren. Denn bei der Verteilung von Asylbewerbern werden Steueraufkommen und Einwohnerzahl der Länder und Kommunen berücksichtigt, nicht die Unterbringungsmöglichkeiten. In Bayern allerdings gibt es für die überfüllten Heime noch einen anderen Grund: Dort herrscht Lagerpflicht. Anders als etwa in Berlin oder Niedersachsen dürfen Flüchtlinge nicht in Wohnungen ziehen – obwohl das vor allem bei Familien oft billiger ist als eine Unterbringung in Sammellagern.

5. Wenn Flüchtlinge viel kosten: Wird dann jemandem was weggenommen?

Der bayerische Finanzminister Markus Söder hat vorgerechnet, wie viele Lehrerstellen er finanzieren könnte, wenn er keine Asylbewerber aufnehmen müsste, zumindest theoretisch. Schulen verrotten, aber für Flüchtlinge fließt Geld – ein klassisches Argument von Kritikern einer großzügigen Asylpolitik. Klar ist: Das Geld für die Asylbewerber muss irgendwo herkommen. Weniger klar ist, ob dafür an anderer Stelle etwas abgezweigt wird, und wenn ja, wo.

Die zusätzliche Milliarde vom Bund kommt aus Steuereinnahmen, die deutlich über den früheren Schätzungen liegen. "Die Hilfen sind bislang möglich, ohne das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts zu gefährden", heißt es aus dem Bundesfinanzministerium. "Bisher mussten dafür an anderer Stelle keine Kürzungen vorgenommen werden."

Aus einigen Bundesländern kommen ähnliche Stimmen, aus Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel, aus Niedersachsen und auch aus Bremen: "Wir haben wegen der Aufnahme von Flüchtlingen keine Abstriche an Leistungen für die Bürger vorgenommen", sagt ein Sprecher des Bremer Sozialministeriums. Auch an der geplanten Einstellung von 200 neuen Lehrern werde trotz der vielen Asylbewerber nicht gerüttelt. Schwieriger ist es in Bundesländern wie Schleswig-Holstein. Dort wurde zwar nicht an Lehrerstellen gespart, aber für den Ausbau der Erstaufnahmestellen wird ein Sondervermögen angezapft, das eigentlich für die Sanierung von Hochschulen vorgesehen ist. "Wir gehen bis an die Grenzen unserer finanziellen Belastbarkeit", sagte die schleswig-holsteinische Finanzministerin Monika Heinold, als im Mai der Nachtragshaushalt verabschiedet wurde. "Wir schichten um und sparen ein."

Aufgrund der hohen Steueraufkommen und niedrigen Zinsen sind einige Länder durchaus in der Lage, die Kosten für Flüchtlinge zu stemmen. Wenn die Asylzahlen weiter steigen und sich die wirtschaftliche Lage verschlechtert, könnte es aber bald mehr Bundesländern so gehen wie Schleswig-Holstein.

Weitere Informationen: www.zeit.de/fluechtlinge