Es ist fast alles wie immer an diesem neblig grauen Novembermorgen. Um halb sechs steht Herr Vahl auf, schleicht ins Bad, duscht, zieht sich an. Bevor er zum Bäcker geht, schaltet er die Kaffeemaschine ein. Monika, seine Frau, hat schon am Vorabend Pulver und Wasser in die Maschine gefüllt, wie immer. So geht es schneller.

Um Punkt sechs Uhr steht er vorm Laden.

"Guten Morgen, Herr Vahl."

"Guten Morgen, Frau Schlüter."

"Wie immer?"

"Ja, wie immer."

Frau Schlüter reicht zwei Brötchen und eine Tageszeitung über die Theke. Eine halbe Stunde nimmt sich Herr Vahl morgens immer fürs Frühstück, um 6.45 Uhr verlässt er das Haus, um 6.54 Uhr steigt er in die S-Bahn von Pinneberg nach Hamburg-Altona, jeden Morgen, von Montag bis Freitag. Wenn der Bäcker fünf Minuten später aufmacht, kommt alles durcheinander. Dann muss er eine Bahn später nehmen. Statt um 7.15 Uhr ist er dann erst um halb acht im Büro. Eigentlich könnte ihm das egal sein, er ist sowieso immer der Erste. Aber Herr Vahl sagt: "Der Zug fährt um sieben und nicht um fünf nach sieben."

Züge, Pläne, Pünktlichkeit, das ist sein Beruf, das ist er: Manfred Vahl, 65 Jahre alt, verheiratet, keine Kinder, arbeitet bei der Deutschen Bahn, seit 49 Jahren. Erst als Maschinenschlosser, dann als Lokführer, später hat er die Ausbildung für den gehobenen Dienst absolviert, seit 14 Jahren ist er Fachreferent für 400 Triebfahrzeugführer. Herr Vahl kontrolliert, ob die Qualitäts- und Sicherheitsstandards eingehalten werden, er analysiert auch Unregelmäßigkeiten: Warum wurde ein Signal überfahren? Warum gab es eine Zwangsbremsung? Was kann man verbessern, damit das nicht mehr passiert?

Sein Leben, getaktet nach einem Fahrplan. Bis heute. Bis er am Nachmittag sein Büro am Bahnhof Altona verlassen wird, für immer. Es ist der 25. November 2014. Es ist Herrn Vahls letzter Arbeitstag.

Nach 17.885 Tagen bei der Deutschen Bahn geht Manfred Vahl in Rente. Einer von über 800.000 Deutschen im vergangenen Jahr. Es sind so viele wie noch nie zuvor, und es werden immer mehr. Großteils haben sie ihr ganzes Berufsleben in einem einzigen Unternehmen verbracht. Bei ihrer Einstellung haben sie nicht über die beste Work-Life-Balance geredet. Sie kannten das Wort gar nicht. Auch Herr Vahl hat immer viel gearbeitet. Um etwas zu schaffen, um voranzukommen und sich etwas leisten zu können.

Die Menschen, die jetzt in Rente gehen, stehen finanziell besser da als alle Rentner-Generationen vor ihnen. Herr Vahl ist Beamter, er wird Pensionär. Auch im Ruhestand wird er genug Geld haben. Die Menschen, die jetzt in Rente gehen, sind auch fitter, sie fühlen sich jünger als frühere Rentner-Generationen.

Wie herrlich muss es sein, so vital, so sorgenfrei in den Ruhestand zu wechseln! Oder doch nicht?

Herr Vahl glaubt, dass es schön sein wird, nach all den Jahren nicht mehr zu arbeiten. Er fragt sich, ob er bald ständig unterwegs sein wird, wie er es immer über Rentner in der Zeitung liest. Endlich kann er etwas unternehmen, wenn das Wetter schön ist. Egal, ob an einem Dienstag oder Sonntag. Endlich kein Termindruck mehr, kein Stress. Schließlich sind 49 Jahre auch genug, findet Herr Vahl. "Jetzt sind mal die anderen dran."

Er ist einverstanden, sich eine Zeit lang auf dieser Reise ins Ungewisse begleiten zu lassen. Er will ehrlich antworten auf die Frage: Wie fühlt es sich an, ein Rentner zu sein? Mehr noch: Herr Vahl will sich Notizen machen, eine Art Tagebuch schreiben.

Mitte Juli 2014, drei Monate vor seinem 65. Geburtstag, hat Herr Vahl ordnungsgemäß den Antrag auf Pensionierung gestellt. Er bekam den sogenannten Fragebogen zur Festsetzung der Versorgungsbezüge zugeschickt. Herr Vahl hat sich hingesetzt und Seite für Seite Kreuze gemacht. Kirchensteuer: ja. Unfallrente: nein. Beschäftigung des Ehepartners: nicht beschäftigt. Seine Frau Monika ist schon seit mehr als zehn Jahren nicht mehr im Job. Ihre Firma ging pleite, da war sie gerade Anfang 50. Sie blieb zu Hause, weil sie glaubte, dass sie sowieso keine Stelle mehr bekommen würde, und auch, weil die Vahls es sich leisten konnten. Schon vorher hatte Monika nur halbtags gearbeitet. Der Wechsel in den Ruhestand sei ihr nicht schwergefallen, sagt sie heute.

Als Herr Vahl an jenem Julitag seine Unterschrift unter den fertig ausgefüllten Fragebogen setzte und ihn in einen Briefumschlag steckte, legte er diesen nicht auf den Stapel, den seine Frau immer zur Post trägt. Diesen Brief wollte er selbst wegbringen. Es habe sich sehr, sehr komisch angefühlt.

"Komisch", das sagt Herr Vahl oft, wenn er nicht weiß, wie er das, was in ihm vorgeht, in Worte packen soll. Es war komisch, als die Kollegen ihn immer häufiger fragten: "Und, wie lange musst du noch?" Komisch war es auch, als er die Schichtpläne für Dezember anfertigte und ihm hinterher einfiel: Da bin ich gar nicht mehr da. Es gab Workshops, auf denen sie Neuerungen entwickelten, die er nicht mehr mitbekommen würde. Von Tag zu Tag wurde seine Arbeit weniger, gab es mehr und mehr letzte Male.

Ein erstes Mal gab es auch. Das war bei diesem Fußballspiel bei ihnen im Ort. Herr Vahl geht sonntags gerne zum Fußball. Am Rand stehen, ein Bier trinken, dazu eine Bratwurst mit Senf. Sechs Euro kostet die Karte. Beim Spiel Halstenbek gegen Meiendorf zahlte er nur vier. Erst dachte Herr Vahl, der Kassenwart habe sich verrechnet. Dann blickte er auf das kleine Stück Papier in seiner Hand. Ein ermäßigtes Ticket. Für Rentner. "Au Backe", sagte er sich, "jetzt sieht man es dir schon an."

Herr Vahl hat an diesem Tag zu Hause etwas länger in den Spiegel geschaut als sonst, sein schütteres Haar betrachtet, die Falten. Rentner, dachte er, wie sich das schon anhört. Herr Vahl fand: Das Wort passt nicht zu einem wie ihm, der jede Woche dreimal ins Fitnessstudio geht, der bei der Teambildungsmaßnahme als Erster den Kletterparcours gemeistert hat. Rentner, das klingt nach einem Mann, der alt wird. Schlimmer noch: nach einem Mann, der alt ist.

Es ist kurz vor sieben Uhr morgens, als Manfred Vahl an seinem letzten Arbeitstag das Haus verlässt. Heute nimmt er nicht, wie sonst immer, die S-Bahn, sondern das Auto. Er hat noch ein paar letzte Dinge im Büro, die muss er nach Hause schaffen. Auf der Fahrt nach Altona ist er schweigsam. Nur im Radio klingt leise die Stimme des Nachrichtensprechers.

Wie fühlt es sich an, der letzte Tag? "Dass ich das Auto nehme und nicht die Bahn, macht es leichter", sagt er ausweichend. Dann schweigt er wieder.