Ausgerechnet die Lusitania! Meine Kabine befindet sich auf Deck 9 des Ozeanriesen Mein Schiff 3, ziemlich weit oben, aber darüber liegen noch weitere sechs Etagen. Über tiefblaues Wasser geht der Blick zu den hässlichen Wohnblocks von Las Palmas. Mein Domizil für die nächsten beiden Tage auf der Etappe von Gran Canaria nach Madeira ist ein freundlicher Raum mit einer Espressomaschine, einem Blümchen in der Vase, Trinkwasser in einer Karaffe und einem Bett mit dicker Matratze.

Es ist das Bild an der Kabinenwand, das ich verdattert anstarre. Zu sehen ist, umtost von aufgewühlter See, ein großes, stolzes Schiff mit vier dramatisch qualmenden Schornsteinen. Der Inneneinrichter, der dieses Bild in meiner Kabine aufgehängt hat, ist entweder ein gedankenloser Trottel – oder beseelt von einem sublimen Humor. Die Lusitania an der Wand passt passagierpsychologisch in etwa so perfekt zu einer lustigen Seefahrt wie ein Gemälde von der Titanic. Oder ein Foto der Costa Concordia, die vor drei Jahren bei der italienischen Insel Giglio auf einen Felsen lief. Auch der Name Lusitania steht für ein Schiffsunglück: Vor genau 100 Jahren wurde das britische Passagierschiff von einem deutschen U-Boot versenkt. 1.200 Menschen starben.

Die Lusitania ist ein Mahnmal, das uns an den jederzeit möglichen Tod im nassen Element erinnert. Da muss ich so kurz vor dem Auslaufen doch schlucken. Oder ist das Bild mit den rauchenden Schloten ein listiger Hinweis auf das große Thema meines Schiffes? Denn die Mein Schiff 3 ist zwar blau gestrichen, aber trotzdem ein grünes Schiff – hier wird nicht mehr gequalmt! Es ist die Antwort der Hamburger Reederei TUI Cruises auf die jahrzehntelange Kritik an der katastrophalen Umweltbilanz der Kreuzfahrtindustrie. Salopp gesagt: Oben raus kommt giftiger Schweinkram; unten wird aller Abfall, ob fest oder flüssig, verklappt. "Ins blaue Regal gestellt", wie der Seemann sagt, wenn er das Meer als Plumpsklo nutzt.

Dieser Dampfer dagegen, der gerade vor einem Jahr von der Schlagersängerin Helene Fischer getauft wurde, soll alles besser machen. Schluss mit dem Schmuddelimage – die Reederei will stattdessen, wie sie etwas hochtrabend formuliert, "mit energieeffizienten, schadstoff- und emissionsarmen Schiffen aus Umweltsicht neue Maßstäbe für die Kreuzfahrtindustrie setzen".

Eindrucksvolles Abendrot über Las Palmas. Die Restaurants füllen sich. Unmerklich legt der Koloss ab. Ohne sichtbaren Qualm, soweit ich das in der Dämmerung erkennen kann.

Ein kurzer Rückblick auf die Situation vor zehn Jahren: Die Kreuzfahrt boomt, weltweit. Die bislang eher amerikanische Idee, die wertvollsten Tage des Jahres an Bord einer schwimmenden Kleinstadt zu verbringen, greift in Europa und anderswo mit jährlich zweistelligen Zuwachsraten um sich. Gleichzeitig kommen die Kreuzfahrtschiffe ins Gerede. Mit den steigenden Buchungszahlen verdeutlichen sich die unerfreulichen Begleiterscheinungen. Zum Beispiel gibt es Ärger mit den angelaufenen Häfen. In den Zeitungen steht, dass auf Rostocks Wochenmarkt der Ruß rieselt. In Travemünde wundern sich die Leute im Café über schwarze Flocken auf dem Eis. In Göteborg klagen sie über Atembeschwerden. Die Bewohner von Los Angeles sind beunruhigt über eine signifikant hohe Krebsrate. Und in dem neuen Hamburger Vorzeigequartier HafenCity werden die geplanten piekfeinen Privatwohnungen am Wasser umgewidmet zu hermetisch verschließbaren Büros – liegt ein Kreuzfahrtschiff am Kai, atmen die Angestellten Luft aus der Klimaanlage.