Ob ich nicht mal eine Geschichte aus Nahost ohne Kalifat, Fassbomben und zerfallende Staaten schreiben könne, fragt meine Redaktion. Zum Beispiel über Beirut, meinen derzeitigen Wohnsitz, und über den Libanon, wo 18 Religionsgruppen friedlich zusammenleben.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Religionsgruppen selbst glauben, dass sie friedlich zusammenleben. Aber im Vergleich zur Nachbarschaft hält sich der Libanon erstaunlich gut. Vor allem, wenn man bedenkt, dass sich, erstens, rund anderthalb Millionen syrische Flüchtlinge zwischen die 4,5 Millionen Einwohner gedrängelt haben; dass, zweitens, Regierung und Parlament nicht funktionieren; und sich, drittens, meterhohe Müllberge in den Beiruter Straßen türmen und immer wieder der Strom ausfällt. Weitaus stabilere Nationen befänden sich längst im Ausnahmezustand. Die Libanesen zünden hier und da einen Abfallhaufen an, schimpfen auf Facebook und erfinden Hashtags wie #YouReek (Du stinkst).

Im Winter 2013 war ich nach Beirut gezogen, hatte im Ostteil der Stadt eine Wohnung gefunden, in Sichtweite der Hafenkräne und in Hörweite von Muezzin, Kirchenglocken, dem nächtlichen Wummern der umliegenden Discotheken. Seither starre ich jeden Morgen beim Frühstück unausgeschlafen aus dem Fenster, vor dem eine libanesische Nationalfahne von den Dimensionen einer Tischtennisplatte flattert, als wolle sie mich wachtätscheln und sagen: Guten Morgen, habibti, du bist im Libanon – und hier wird gefeiert!

Während der syrische Bürgerkrieg eskalierte, der IS den Irak aufrollte, Israel den Gazastreifen bombardierte und massenhaft Flüchtlinge in den Libanon strömten, öffnete in meinem Viertel ein Dutzend neuer Kneipen und Clubs. Ich fand die Beiruter Partysucht anfangs dekadent und zynisch. Dann folgten mehrere Bombenanschläge in der Stadt. Freunde luden mich zu einem Rockkonzert ein. Geht gar nicht, dachte ich, und ging trotzdem mit. Die Halle war voll, der Veranstalter rief: "We don’t give a shit about reality!", die Menge johlte, ich johlte mit.

Nach wenigen Wochen hatte ich meine erste libanesische Lektion gelernt: sich in regelmäßigen Abständen einen Dreck um den Wahnsinn scheren. Aber mit Feiern allein hält man natürlich kein Land zusammen.

"Glaub mir, es gibt gar keine libanesische Nation", hatte ein Freund bei vorzüglichem Abendessen gesagt. "Hör dich mal bei den verschiedenen Gruppen um. Dann wirst du schon sehen."

Mein Bekannter ist Druse – damit konnte ich eine Gruppe schon einmal abhaken. Die Drusen haben die herrschenden islamischen Strömungen vor knapp tausend Jahren hinter sich gelassen und glauben seither an die Reinkarnation. Eigentlich ein Gegengift zum Märtyrerkult im Nahen Osten: Wer stirbt, kommt nicht ins Paradies, sondern muss sofort in einem anderen Körper weitermachen. "Ihr solltet missionieren", sagte ich. "Geht nicht", antwortete er. "Druse kannst du nicht werden, als Druse wirst du geboren."

Die libanesische Verfassung erkennt 18 Glaubensgemeinschaften an, billigt ihnen Teilhabe an der Macht und ein eigenes Familienrecht nach dem jeweiligen religiösen Gusto zu. Auf einer demografischen Landkarte sieht der Libanon deswegen so bunt und unschuldig aus wie das Klecksbild eines Kleinkindes. Ich beschloss, die Suche nach dem Nationalgefühl zu vereinfachen, strich chaldäische Katholiken, Assyrisch-Orthodoxe, Melkiten, Kopten und ein paar andere Gruppen von der Liste und fuhr nach Tripoli: einer Hochburg der Sunniten.

"Die Christen feiern hier Weihnachten", sagt der Mann im Hisbollah-Museum

"I love Lebanon!", rief Bilal al-Masri, Besitzer eines Mobilfunkladens im heruntergekommenen Stadtteil Bab al-Tabbaneh, Familienvater, Kettenraucher und als Scheich zuständig für Eheprobleme, Geldsorgen und Auslegung religiöser Regeln in seiner Nachbarschaft. "Dies ist das schönste Land, das es gibt." Wären da nicht die Alawiten im ebenso heruntergekommenen Nachbarviertel Dschabal Mohsen, mit denen er sich in unregelmäßigen Abständen Feuergefechte liefert.

Der Konflikt ist jahrzehntealt, manchmal schlummert er, mit dem syrischen Bürgerkrieg flammte er wieder auf. Libanons Alawiten, zumindest die Hardliner, sind für Assad, die Sunniten für die Rebellen. "Wenn die Alawiten vertrieben sind, wird die Stadt wieder aufblühen", erklärte der Scheich. Bis dahin müssten die Fenster in seinem Wohnzimmer (braune Couchgarnitur, brauner Wandschrank, Porzellan-Schwäne, Familienfotos, Pistole auf dem Couchtisch) verbarrikadiert bleiben. Und das Zimmer seines Sohnes, geschmückt mit amerikanischen Comic-Helden, leider auch: "No more Spiderman. Only Sniperman."