Irgendjemand in Hamburg hat Hunger und drückt um 16.43 Uhr auf den Knopf "Zur Kasse". Sekunden später erscheint auf dem Bildschirm von Linnar Schwarz eine Nachricht mit der Bestellung. Jetzt läuft der Countdown: 30 Minuten hat der Logistiker, um einen American Gangster, einen Burger vom Rind mit Pommes, und einen Wiener Peter, ein Kalbsschnitzel mit Preiselbeeren, vom Restaurant Jedermanns Verpflegungsanstalt, kurz JVA, in die Rehhoffstraße zu liefern, eine enge Kopfsteinpflaster-Gasse nahe der Elbe.

Schwarz ruft die aktuellen Positionen seiner Fahrer auf und schaut auf der Karte nach, wo das Restaurant liegt. Um 16.44 Uhr leitet er den Auftrag per App an einen Kurier weiter. "Neue Lieferung", meldet Simon Dresslers Smartphone. Auf dem Bildschirm öffnet sich ein Stadtplan, in Rot erscheint die Route zum Restaurant. Dressler, ein großer, junger Mann mit dunklen Haaren, setzt seinen Helm auf, wirft einen kurzen Blick auf die Adresse, dann stürzt er sich in den Stadtverkehr. Auf dem Gepäckträger klemmt eine pinkfarbene Box, "Foodora" steht darauf. Während Dressler mit 35 Stundenkilometern durchs Schanzenviertel jagt, aktiviert Schwarz per Knopfdruck einen kleinen Drucker, der zwei Kilometer entfernt im Restaurant JVA steht und nun auf einem Streifen Kassenbon-Papier die Bestellung ausgibt.

Den Pizzakurier gibt es schon lange, nun treten Start-ups an, um das Essen per Bote in der gehobenen Gastronomie zu etablieren. Firmen wie Deliveroo und Foodora fahren Speisen von Restaurants aus, die keinen eigenen Lieferservice anbieten. Mit moderner Technik wollen sie den Markt für hippe und bürgerliche Restaurants öffnen. Risikokapitalgeber wetten Millionen auf den Trend. Wie das Londoner Start-up Deliveroo am Dienstag meldete, haben Investoren aus der City und dem Silicon Valley gerade 70 Millionen Dollar für die Expansion lockergemacht. In Deutschland mischt die Start-up-Schmiede Rocket Internet mit, die in Foodora investiert hat.

Die Wagniskapitalisten stecken ihr Geld in junge Unternehmen, deren junge Gründer noch jüngere Manager einstellen. Menschen wie Linnar Schwarz, 23, der in Hamburg Foodoras Fahrgeschäft leitet. In Jeans und Sportschuhen sitzt er mit sieben Kollegen in einem Großraumbüro. An der Wand stapeln sich die pinkfarbenen Lieferboxen bis zur Decke. Von hier aus wollen Schwarz und seine Kollegen die ganze Stadt erobern.

Das Konzept, mit Bestellungen von Essen übers Internet Geld zu verdienen, ist nicht neu. Unternehmen wie Lieferando bieten seit Jahren eine Plattform, über die Kunden aus dem Angebot zahlreicher Restaurants wählen können. Liefern aber müssen die Lokale selbst. Für viele Restaurants rechnet sich das nicht. Bereits 2006 kam das französische Unternehmen Resto-in deshalb auf die Idee, das Essen ausgewählter Lokale in Paris per Kurier zuzustellen. Unter dem Namen bloomsburys bietet die Firma auch in Berlin und Hamburg die Dienste ihrer driving butlers an. Anfangs musste man bei Resto-in am Telefon bestellen, mittlerweile gibt es eine App. Dieser Technologiesprung lockt nun die Konkurrenz. Denn durch das Smartphone, so die Hoffnung, könnte ein Massengeschäft entstehen.

16.55 Uhr: Dressler ist bei der JVA eingetroffen. Per Knopfdruck informiert er Schwarz, dann tritt er an den Tresen. Das Fleisch brutzelt noch in der Pfanne. Dressler muss warten, aber das ist er gewohnt, denn Schwarz schickt die Bestellung erst an das Restaurant, wenn der Fahrer schon in der Nähe ist. Zwischen der Zubereitung des Essens und der Auslieferung sollen nie mehr als zehn Minuten vergehen. Daher sind auch die Liefergebiete auf einen Radius von wenigen Kilometern beschränkt. Vier Lieferungen, sagt Dressler, schaffe er in einer Zwei-Stunden-Schicht.

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Das Essen per Kurier, direkt vom Lieblingsrestaurant aus der Nachbarschaft – dieses Angebot bedient die Erwartung vieler Konsumenten, dass ihnen auf Zuruf alles direkt ins Haus gebracht wird. Bücher, Druckerpatronen, Arzneimittel und nun eben auch der Wiener Peter für 18,90 Euro, zuzüglich 2,90 Euro Liefergebühr.

Für den Kunden soll alles ganz einfach sein. Zwei, drei Klicks, eine halbe Stunde später reicht jemand das Essen durch die Tür. Das Bargeld hat Foodora abgeschafft, die Kunden zahlen via PayPal oder Kreditkarte. Das Geld leitet Foodora dann an die Restaurants weiter – abzüglich einer Kommission, die individuell ausgehandelt wird. "Unser Ziel sind immer 30 Prozent", sagt Geschäftsführer Julian Dames. Plattformen wie Lieferando, die eine Bestellung nur vermitteln, verlangen in der Regel 10 bis 15 Prozent.