Es muss schmatzen. Wenn Paul Müller loszieht, um nach dem Rechten zu sehen, geht er zum Kofferraum seines Wagens, zieht sich die knielangen grünen Gummistiefel über und stapft voraus. "Schlipp, schlapp", schmatzt es, wenn er über den Boden geht. Das Schmatzen ist eine Nachricht: Alles ist gut, der Boden ist feucht, und Paul Müller hat etwas richtig gemacht. Der Geograf mit den silbernen Ohrringen kümmert sich bei der Naturschutzbehörde des Landkreises Cuxhaven darum, aus zerstörten Mooren wieder lebende Feuchtgebiete zu machen. "Wiedervernässung" heißt das im Umweltschutzjargon. Trockene Moore gibt es viele in Deutschland, besonders im Norddeutschen Tiefland, das sich vom nördlichen Nordrhein-Westfalen über Niedersachsen und Brandenburg zieht bis hoch an die Küsten von Nord- und Ostsee. Denn lange Zeit galten Moore als nutzlos, geeignet höchstens für den Torfabbau. Also legte man sie trocken, machte sie zu Äckern und Wiesen.

Was für eine Verschwendung – sind doch Moore ein Hort der Artenvielfalt, Lebensraum bedrohter Pflanzen und Tiere. Jetzt endlich könnten die Pegel wieder steigen – wegen einer weiteren Eigenart der Moore: Wiederbelebt taugen sie als Klimaschützer. Trockengelegt stoßen Moore nämlich große Mengen Treibhausgas aus – weltweit ungefähr so viel wie der gesamte Flugverkehr. Jede Wiedervernässung hilft, diese Riesendosis Klimagift zu reduzieren. Man muss sich die gewaltige Rolle vor Augen führen, die diese unscheinbaren Biotope spielen: Obwohl trockengelegte Moore nur drei Promille der weltweiten Landflächen bedeckten, seien sie für fünf Prozent der menschengemachten CO₂-Ausstöße verantwortlich, sagt Hans Joosten, der an der Universität Greifswald die Arbeitsgruppe Moorkunde leitet. Auch in Deutschland sind die Moore vor allem Emittenten: mit einem fünfmal größeren Treibhausgasausstoß als der gesamte Schienenverkehr. Würde man alle Moorflächen in Deutschland zusammenfügen, käme ein Gebiet von der Fläche Sachsens dabei heraus – gut 18.000 Quadratkilometer. Allerdings sind inzwischen 95 Prozent davon geschädigt oder zerstört. Vor allem in den sechziger und siebziger Jahren wurden riesige Flächen trockengelegt, um Grünland und Ackerfläche zu gewinnen. Die Folge: Der Kohlenstoff, der im intakten Moor gebunden war, wird mit der Zeit zu CO₂ abgebaut und gelangt in die Luft – bis heute. Auf aktuell gut 45 Millionen Tonnen im Jahr summieren sich diese Treibhausgase, das sind fast fünf Prozent der gesamten deutschen Emissionen, so meldet es Deutschland an die UN.

Weil dieser Ausstoß durch kaputte Moore seit 2013 auch in den internationalen Klimastatistiken berücksichtigt wird, lassen sie Deutschlands Bilanz schlecht aussehen. Wer Moore wiederbelebt, der könnte damit im Dezember bei der Klimakonferenz in Paris als Vorreiter dastehen. Doch bisher hat Deutschland wenig vorzuzeigen. Seit 1990 sind gerade einmal 700 Quadratkilometer Moor renaturiert worden, noch nicht einmal fünf Prozent der geschädigten Gesamtfläche.

Damit es mehr werden, braucht Paul Müller seine Gummistiefel. Ein Moor wiederzubeleben bedeutet, den Wasserspiegel steigen zu lassen – möglichst bis knapp unter die Bodenoberfläche. Die richtige Balance einzustellen ist anspruchsvoll und zeitaufwendig. "Bei Renaturierungsarbeiten bin ich mindestens einmal in der Woche vor Ort", sagt Müller und stapft hinein ins Dorumer Moor, sein jüngstes Projekt, ganz in der Nähe von Bremerhaven. Über Jahrtausende hat es sich in einer natürlichen Senke gebildet, an manchen Stellen reicht der Torf hier bis in 3,50 Meter Tiefe. Torf, das ist das Material, aus dem Moore bestehen. Er entsteht aus Pflanzen, wenn sie stets mit Wasser bedeckt sind und nicht vollständig verrotten, weil der dazu nötige Sauerstoff fehlt. Ein Großteil des Kohlenstoffs der Pflanzen bleibt in diesem Material gebunden und kann sich in dicken Schichten ansammeln – das gleicht dann auch die negativen Effekte des Methans aus, des klimaschädlichen Gases, das beim Verrotten unter Wasser entsteht. Im Dorumer Moor kann man das spüren, bei jedem Schritt federt der Untergrund. An anderen Stellen ist vom Moor kaum etwas übrig, der Boden ist bretthart. Dort haben bis ins 19. Jahrhundert hinein arme Bauern mit einfachsten Mitteln den Torf als Brennmaterial gestochen und Buchweizen angebaut. Jetzt wuchert ein Dickicht dünner Birken auf den trockenen, zerstückelten Resten.

Für die Renaturierung müssen diese Bäumchen gefällt werden. Dann kommen Bagger und schieben Dämme auf, die das Regenwasser zurückhalten sollen. In den dunkelbraunen Erdwällen stecken leuchtend orangefarbene Kunststoffrohre, sie erlauben dem Geografen, die Abflussmenge fein zu justieren. Daneben ragen blaue Pegelrohre aus dem Matsch, hier kann Müller den Grundwasserspiegel ablesen. Das Moor ist wie ein Patient auf der Intensivstation, es muss ständig gepäppelt und beobachtet werden. "Die exakte Regulierung des Wasserstands ist entscheidend", sagt Müller, mit bereits bis zur Hälfte eingesunkenen Gummistiefeln. Zu niedrig? Dann tritt weiter CO₂ aus. Zu hoch? Dann bildet sich aus der unter Wasser geratenen frischen Biomasse Methan. Nur dort, wo der Pegel genau stimmt, erscheinen schon bald die ersten hellgrünen Torfmoose, das Moor beginnt langsam wieder zu wachsen – und entzieht der Atmosphäre dabei Kohlenstoff.

Das Dorumer Moor war schon früher ein Naturschutzgebiet, die Flächen gehören Land und Kreis. Doch Bau der Dämme, Planung und Unterhalt – das kostet für die ersten 23 Hektar gut 50.000 Euro. Die Hälfte davon hat der Landkreis Cuxhaven zusammen mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) über den Verkauf sogenannter Moorland-Zertifikate eingenommen. Mit 21 Euro sorgen die Käufer für die Vermeidung von einer Tonne Treibhausgas. In ähnlichen Projekten anderer Bundesländer kostet die vermiedene Tonne CO₂ zwischen 35 und 67 Euro. Moorrenaturierung ist keine billige Klimaschutzmaßnahme. Doch das Potenzial ist groß.

Rund 400.000 Hektar Moorlandschaft gibt es in Niedersachsen, damit ist es das mit großem Abstand moorreichste Bundesland (gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern, Bayern und Brandenburg). Auf 22.000 Hektar wird hier sogar noch Torf abgebaut – für Gärten und Gewächshäuser. Das ist ausgesprochen klimaschädlich: Torf besteht zu mehr als der Hälfte aus Kohlenstoff, der an der Luft zu CO₂ reagiert.