Moore zu Klimaschützern zu machen, dem steht vor allem die Landwirtschaft im Weg. Sie nutzt allein in Niedersachsen über 300.000 Hektar trockengelegter Moorflächen, vor allem als Grünland, zur Produktion von Viehfutter. Schon das Gedankenspiel der grünen Umwelt- und Agrarminister Stefan Wenzel und Christian Meyer, Teile davon wieder zu vernässen, empörte den Bauernverband. Schließlich liegen rund 15 Prozent aller landwirtschaftlich genutzten Flächen Niedersachsens auf trockengelegten Mooren. Ihr ökonomischer Wert macht eine Stilllegung praktisch unmöglich.

Deshalb unterstützt das Ministerium eine Alternative: Paludikultur. So wird die nasse Bewirtschaftung von Mooren (lateinisch palus) genannt. Wie das geht, zeigen Wissenschaftler der Universität Greifswald seit zehn Jahren in zahllosen Feldversuchen. Zum Beispiel mit dem Anbau von Rohrglanzgras, Schilf und Seggen auf 200 Hektar im mecklenburgischen Malchin. Getrocknet, zu Ballen gepresst und im Heizwerk verfeuert, liefert die Biomasse genug Nahwärme für einen ganzen Stadtteil. Gut für das Klima ist das, nicht nur wegen des nassen Moors, sondern auch, weil das Heizwerk fossilen Brennstoff spart.

Im Hankhauser Moor bei Oldenburg wird auf einem wiedervernässten Moor Torfmoos angebaut. Auch hier lockt ein doppelter Klimaschutznutzen: Der Treibhausgasausstoß des Moors ist um vier Fünftel gesunken, und der Jahresertrag von acht Tonnen Moos pro Hektar könnte eine ähnliche Menge Torf als Blumenerde ersetzen.

"Paludikultur steckt noch im Versuchsstadium", sagt jedoch Gabi von der Brelie, Sprecherin des niedersächsischen Bauernverbandes, "unter unseren Mitgliedern ist niemand, der beurteilen könnte, ob das in der Praxis funktioniert." Milchvieh könne man mit Seggen und Sauergräsern aus nassen Mooren jedenfalls nicht füttern. Rinder können sie nicht verdauen. Außerhalb wissenschaftlich betreuter Projekte gibt es tatsächlich noch nirgendwo auf der Welt Paludikultur.

Die Landwirtschaftslobby ist nicht der einzige Feind der Moorrenaturierung. Auch private Anlieger wehren sich gegen die Klimaschutzmaßnahme. Sie fürchten feuchte Keller, Mückenplagen und den Verlust vertrauter Landschaft. Von einem "Akzeptanzkrater" spricht der Kieler Umweltethiker Konrad Ott: "Nah am Gebiet ist der Protest stark, aber je weiter man sich entfernt, desto größer wird die Zustimmung."

"Nörgler gibt’s immer", sagt Paul Müller trocken. Im dünn besiedelten Landkreis Cuxhaven komme es nur selten zu Konflikten mit Anwohnern. Dafür gebe es manchmal Streit mit Bauern, oft um die Kapazität von Dränagegräben. In Dorum umzingeln kräftig gedüngte Maisfelder das wiedervernässte Moor. "Nährstoffeinträge sind da gar nicht zu verhindern", sagt Müller. Das stört bei der Renaturierung, denn natürliche Moore sind ausgesprochen nährstoffarme Lebensräume, und ihre typische Vegetation setzt sich nur durch, wenn sie nicht von gut gedüngtem, schnell wachsendem Grün überwuchert wird.

Ein Moor entsteht sehr langsam, es wächst weniger als einen Millimeter im Jahr. Wird es trockengelegt und landwirtschaftlich genutzt, sinkt es durch den Kohlenstoffverlust jedes Jahr um ein bis zwei Zentimeter ab. Selbst ein völlig intaktes Moor würde rund 20 Jahre brauchen, um den Verlust eines einzigen Jahres Nutzung wettzumachen. Doch intakt sind nur noch allerletzte Reste besonders entlegener Moore, Fachleute sprechen von "heiler Haut". Selbst im Ahlenmoor, dem größten Moorgebiet des Landkreises Cuxhaven, das seit Jahrzehnten unter Naturschutz steht, können nur ein bis zwei Prozent als einigermaßen heile Haut gelten.

Ein Moor wiederzubeleben ist entsprechend kompliziert und langwierig. Für den Klimaschutz hingegen kann ein Moor ausgesprochen schnell aktiviert werden. Gleich nach der Flutung steigt zwar die Methanproduktion kurzfristig an, doch schon nach wenigen Jahren sinkt der Treibhausgasausstoß schnell ab – vorausgesetzt, das Wassermanagement stimmt.

Glockenheide und Krähenbeeren sind als typische Moorgewächse die ersten Anzeichen der Genesung. "Die Samen stecken noch im Boden und keimen, sobald sie genug Feuchtigkeit und Licht bekommen", sagt Müller. Dort, wo im Dorumer Moor die Birken entfernt und die Dämme fertiggestellt sind, sprießen die Boten der Wiederbelebung schon. Direkt daneben zeugt trockenes Dickicht von jahrhundertelanger Zerstörung. "Dieser Standort war besonders stark geschädigt", sagt Müller. Der Moormann in Gummistiefeln sieht darin aber auch etwas Gutes: "Je schlechter die Ausgangslage, desto größer der Effekt."

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