Im Fernsehen hat sich, tiefnachts, eine spezielle Form von Pornografie etabliert: die Erde-nach-dem-Menschen-Pornografie. Vor allem in den Nachrichtenkanälen, wo tagsüber die üble Gegenwart gezeigt wird, widmet man sich nachts in populärwissenschaftlichen Dokumentationen der noch schlimmeren Zukunft. Das Szenario lautet: Die Menschheit ist ausgestorben oder jedenfalls von der Erde verschwunden; was wird nun, 30, 200, 500 Jahre später, aus den Spuren unserer Zivilisation? Man sieht in diesen sachlich fundiert wirkenden Filmen stundenlang die Erde, wie sie genussvoll mit sich allein ist, wie sie sozusagen nackt, unserer Fesseln beraubt, weitermacht und wieder zu einem wilden Planeten wird: wie die Zentralheizungen einfrieren, die Häuser einstürzen, die Brücken einfallen, die Hochhäuser einsinken, die Straßen verwehen. Man sieht, wie sich alles Menschenwerk mit Rost, Algen, Flechten, Steppengras, Moos, Dschungel überzieht – und die Erde wieder "blind" wird. Es ist eine Orgie des Zerfalls.

Wenn man mit Kindern redet, zu denen sich solche Visionen seltsamerweise immer schon im Kindergarten herumsprechen, merkt man, wie sehr das Schreckbild der "Zukunft ohne uns" in ihnen arbeitet: Die Erde unbewohnbar? Wo bleiben denn dann wir?

Viele Eltern greifen, so gefragt, zu einem Fluchttrost: Ach, wisst ihr, wenn ihr groß seid, werden die Menschen bestimmt einen neuen Planeten gefunden haben, auf dem man auch gut leben kann ...

Und den meisten Erwachsenen ist es auf unserem Planeten ja auch nicht geheuer: weite Teile der Welt in Aufruhr, Hunderte Millionen von Menschen auf der Flucht aus extrem unsicheren in sicherere Gebiete sowie weitere Hunderte Millionen Menschen in sicheren Gebieten, die die Fliehenden bang erwarten, fürchtend, dass sich durch deren Ankunft ihre eigene Sicherheit oder zumindest ihr Komfort verringern könnte. Wieder andere Erwachsene, die sich davor fürchten, dass mordende Horden vom Nahen Osten sich aus schierer Besessenheit in ihre Gebiete vorkämpfen und ihnen die Köpfe abschlagen könnten (man erfährt über solche Ängste gar nicht wenig, wenn man sich etwa unter Anhängern der Pegida-Bewegung umhört).

Wenn man heute den sogenannten Mann von der Straße fragt, welches Bild ihm vor Augen stehe, wenn vom "Planeten Erde" die Rede ist, ist es vermutlich eher das Bild einer Panikkugel ohne Halt und Schutz, umtost von Stürmen, überwimmelt von Heimatlosen, gezeichnet von den Vektoren der Flüchtlingsströme. Sicher kein Ort des Bleibens, sondern eine glühende Bühne, auf der, wer innehielte, sich tödlich verbrennen würde.

Wie um die kursierenden Ausrottungs-, Auslöschungs-, Verwüstungsfantasien zu entkräften, werden in diesen Tagen ganz andere Fantasien aktiviert: Man habe in den Weiten des Alls einen Planeten gefunden, der unserer Erde gleiche wie kein je entdeckter Planet vor ihm, meldet die Nasa. Der gefundene Exoplanet sei ein "sehr enger Cousin der Erde", sagte der Leiter der zuständigen Abteilung.

Gefunden hat diesen Planeten das Nasa-Weltraumteleskop Kepler, das 2009 von der Erde aus losgeschickt wurde und derzeit das Sternbild des Schwans ausspäht. Kepler hat bereits Hunderte Planeten erblickt, doch dieser neue Fund, genannt Kepler-452b, sei der interessanteste, sagt die Nasa: Er liege in einer "habitablen" Zone, in der grundsätzlich Leben vorstellbar sei. Genauer: Er kreise im richtigen Abstand und seit ausreichend langer Zeit um seine mehr als sechs Milliarden Jahre alte Sonne (die den Namen Kepler-452 trägt).

Viele Medien waren mit der Entdeckung eines "sehr engen Cousins" der Erde noch nicht zufrieden, sie machten es wie beim Poker: Sie erhöhten den symbolisch-metaphorischen Einsatz kräftig. In den Schlagzeilen ist nun von einer "zweiten Erde" die Rede. Allerdings, davon kann keine Rede sein: Kepler-452b liegt etwa 1400 Lichtjahre von uns entfernt, und die Erdlinge haben noch gar nicht die Instrumente, um die Bedingungen auf solchen Planeten zu messen. Das tut der großen Erzählung von einem belebten Universum natürlich keinen Abbruch, schon in den letzten Jahren war immer wieder von neu entdeckten "zweiten Erden" die Rede.

Der Sinn dieser Erzählung ist klar: Während uns unsere eigene Erde vor unserem inneren Auge verdirbt, erblüht uns im fernen All eine andere. Und wenn wir es nicht bis zu Kepler-452b schaffen, so gibt es mächtige Kräfte auf Erden, die uns immerhin bis zum Mars bringen wollen. Hier kommt der amerikanische Milliardär Elon Musk ins Spiel. Dieser Mann, dem bisher alles gelang, was er anpackte (der Aufbau eines privaten Raumfahrtkonzerns namens SpaceX und die Gründung der Elektroautomarke Tesla), ist dabei, die bemannte Reise zum Mars vorzubereiten. Die Nasa arbeitet mit ihm zusammen.

Bisherige Weltraumexkursionen mit menschlichen Passagieren waren, um mit dem Philosophen Hans Blumenberg zu sprechen, stets von ihrer "Fluchtartigkeit" bestimmt. Das Entscheidende an der amerikanischen Mondmission war, dass die Astronauten schnell zurückkamen; niemals hätten sie bleiben wollen oder können. Die Monderoberung vollendete sich erst in der Flucht vom Mond. Anders ist das, was Elon Musk plant: Er will den Mars besiedeln. Er will, dass Menschen dort leben, weil uns auf Dauer die Erde nicht "reichen" werde.