Bevor Volker Schnell seinem Vater beim Selbstmord hilft, kocht er schwarzen Tee und stellt Zitronenkuchen auf den Couchtisch. Daneben legt er drei Teller, Tassen, Gabeln, außerdem zwei Fotoalben. Sein Vater ist neunzig, er sitzt im Rollstuhl, und seine Augen sind so schwach, dass er die Bilder kaum noch erkennen kann. Dennoch drapiert Volker Schnell die Alben mit Bedacht auf dem Tisch. Alles soll harmlos aussehen, falls überraschend Polizisten an der Haustür klingeln.

Draußen dämmert es schon, als um halb vier ein Krankentransporter vor dem Mehrfamilienhaus hält. Zwei Pfleger tragen Helmut Schnell samt Rollstuhl in den dritten Stock. Sohn Volker ist nervös, raucht eine Zigarette nach der anderen. In seinem Wohnzimmer sitzt sein bester Freund, ein gelernter Altenpfleger, er ist gekommen, um Vater und Sohn beizustehen. Keiner der drei Männer hat ein Bedürfnis nach Abschiedsworten.

Volker Schnell geht in die Küche und verrührt Apfelmus mit fein zerkleinerten Tabletten, zusammen ergibt das die Giftmischung, die wenig später den Herzschlag seines Vaters stoppen wird. Dann liest er dem Vater eine vorformulierte Erklärung zu seinem Todeswunsch vor, die der mit zittriger Hand unterschreibt. Helmut Schnell kippt ein paar Tropfen von einem Magenberuhigungsmittel hinunter. Er löffelt den Brei und trinkt Pfirsichsaft, in den der Sohn ein starkes Schlafmittel gemischt hat. Als der alte Mann einschläft, verlassen Volker Schnell und sein Freund das Haus, sie fahren zu einem Imbiss in der Nachbarschaft. Am frühen Abend des 30. Januar wird Helmut Schnell tot in der Wohnung seines Sohns gefunden.

Drei Monate später steht Volker Schnell am Fenster seines Wohnzimmers, genau dort, wo sich der Rollstuhl seines Vaters befand. Die Fotoalben liegen wieder auf dem Tisch, neben der Couch steht eine weiße Plastiktüte. In ihr stecken ein paar Utensilien, die der Vater zum Sterben mitgebracht hatte: ein blauer Schlafanzug, ein Rasierapparat, eine Pillendose.

Volker Schnell ist Krimiautor und Übersetzer. Nach dem Tod seines Vaters hat er ein Protokoll der Ereignisse verfasst und an die ZEIT geschickt. Er will reden. Beim ersten von drei Treffen ist er wütend. Oft heißt es, Beihilfe zum Selbstmord sei in Deutschland keine Straftat, sondern nur die sogenannte aktive Sterbehilfe, bei der etwa ein Arzt eine Giftspritze ansetzt. Schnell hat andere Erfahrungen gemacht, als er versuchte, seinem Vater beim Sterben zu helfen. Eigentlich wollte Helmut Schnell ein paar Tage vor seinem Todestag sterben, doch die Leiterin des Pflegeheims und die Kasseler Polizei verhinderten einen ersten Suizidversuch. Damit haben sie, so sieht es der Sohn, die Qualen des Vaters unnötig verlängert.

Beim zweiten Treffen redet Schnell über Politik. In Berlin werden Vorschläge zur Reform der Sterbehilfe diskutiert, für Schnell sind die Schwächen der geplanten Gesetze offensichtlich, weil sie in einem Fall wie seinem nicht helfen würde.

Helmut Schnell sprach seit dem Herbst 2011 immer wieder mit dem Sohn über seinen Wunsch zu sterben. Er litt keine unerträglichen Qualen, aber die Füße schmerzten, er hatte Wasser in den Beinen, war fast blind und klagte ständig über Schürfwunden. Seine Haut war an vielen Stellen so dünn wie Pergamentpapier, er verletzte sich leicht. Zunächst stoppte ihn seine Ehefrau Anneliese, wenn er über Selbstmord sprach. Doch dann starb sie Ende 2014 an Krebs. Ihre letzten Tage waren qualvoll, Schmerzmedikamente halfen nicht, Helmut Schnell erlebte ihre Not aus nächster Nähe in ihrem gemeinsamen Zimmer im Pflegeheim.

Seinem Sohn sagte er später, manchmal habe er sich gewünscht, das Leiden seiner Frau dadurch zu beenden, dass er ihr nachts ein Kissen auf das Gesicht presse, bis sie nicht mehr atmen könne. Als sich der Milliardär Gunter Sachs erschoss, sagte Schnell zu seinem Sohn, er habe leider den Zeitpunkt verpasst, sich selbst eine Waffe zu beschaffen. "Jetzt bin ich auf deine Hilfe angewiesen."

Gegenüber der ZEIT bestätigen mehrere Menschen, dass Helmut Schnell nach dem Tod seiner Frau ständig vom Sterben geredet hat: der Hausarzt, ein alter Freund, der Freund des Sohns, der am Todestag mit im Wohnzimmer saß. Jeder im Heim habe gewusst, dass Volker Schnell sein Leben beenden wollte, sagt der Hausarzt. Den alten Mann hätten nicht nur Einsamkeit und Schmerzen gequält, erzählt der alte Freund: Sein größtes Problem, sagt er, seien nicht die Schmerzen, sondern seine Scham gewesen. Nach dem Tod seiner Frau habe er selbst bei Toilettenbesuchen die Hilfe von Pflegekräften gebraucht. Das habe er würdelos gefunden. "Mein Vater hat Körperkontakt gemieden", sagt sein Sohn. Er kann sich an keine einzige Umarmung erinnern, kein Schulterklopfen, nicht einmal an seinem Todestag.

Vater und Sohn sind grundverschieden. Als der Krimiautor in den siebziger Jahren als einziges Kind seiner Eltern in Kassel aufwächst, dreht sich für den Vater alles um den Sport. Helmut Schnell ist so ein guter Radrennfahrer, dass er sich einmal sogar für die Teilnahme an den Olympischen Spielen qualifiziert. Sport, Gesundheit, Fitness und Disziplin gehen ihm über alles. Er ist DDR-Flüchtling und kommt in den fünfziger Jahren fast mittellos nach Kassel, arbeitet sich vom technischen Zeichner zum Ingenieur hoch, zahlt seine Eigentumswohnung ab und wünscht sich Enkelkinder. Der Sohn raucht viel, hängt schon als Kind im Sportunterricht durch und gibt das Radfahren nach kurzer Zeit wieder auf. Später schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs durch. Zu seinen Eltern hat er kaum Kontakt.

Im Dezember 2014 liest Helmut Schnell ein Interview mit dem Berliner Arzt Uwe-Christian Arnold und bittet seinen Sohn, einen Kontakt herzustellen. Arnold ist Deutschlands bekanntester Sterbehelfer. Melden sich Menschen bei ihm, die ihr Leben beenden wollen, besucht er sie. In vielen Fällen, sagt er, könne er nichts für sie tun: Wenn die engen Angehörigen nicht einverstanden sind oder der Patient unter Depressionen leidet, hilft Arnold nicht beim Suizid. Anderen aber steht er bei. Wenn sterbenskranke Menschen leiden, besorgt Arnold tödliche Medikamente.

Nicht depressiv, nur lebensmüde

Er kann das, weil er als Urologe jederzeit Zugang zu verschreibungspflichtigen Medikamenten hat. Da er in Berlin lebt, macht ihm auch die organisierte Ärzteschaft keine Schwierigkeiten. Fast überall sonst in Deutschland entziehen die kassenärztlichen Vereinigungen Medizinern die Zulassung, wenn sie Patienten beim Suizid helfen. In Berlin und einigen anderen Regionen ist das anders, deshalb muss Arnold nicht um seine Existenz fürchten, wenn er öffentlich über seine Beihilfe zum Selbstmord spricht. Seit Arnold in Talkshows über Sterbehilfe redet, ist das Interesse groß. Einigen Hundert Menschen habe er schon geholfen, sagt er, außerdem schule er andere Ärzte, die im Verborgenen das Gleiche tun.

Als Volker Schnell kurz vor Weihnachten Arnold in einer Mail von seinem Vater berichtet, vertröstet der ihn. Im Januar aber ist Arnold zufällig in der Gegend, und plötzlich geht alles ganz schnell. Helmut Schnell weint vor Erleichterung, als sein Sohn ihm bei einem Besuch erzählt, dass Arnold für ein Gespräch mit ihm ins Pflegeheim kommen wird. Volker Schnell verabschiedet sich an diesem Nachmittag mit den Worten: "Noch zwei Nächte durchhalten!" Der Vater nickt: "Gut, das schaffe ich."

Am Vormittag des 26. Januar ist Uwe-Christian Arnold auf dem Weg nach Kassel. Er ruft bei Volker Schnell an und lässt sich die Adresse des Heims geben, um sie in sein Navi einzutippen. Er brauche noch etwa zwei Stunden, sagt er. Als Volker Schnell im Heim eintrifft, ist dort bereits die Hölle los. Es hat sich herumgesprochen, dass Arnold kommen wird. Der alte Vater sah keinen Grund, das zu verschweigen, es wussten ja alle von seinem Todeswunsch. Die damit verbundenen rechtlichen Probleme sind ihm nicht bewusst.

Die Leiterin beschimpft Volker Schnell: Das gehe alles gar nicht, er bringe die Einrichtung in Schwierigkeiten. Der Vater müsse sofort seinen Vertrag kündigen und aus dem Heim ausziehen. Als Arnold wenig später auftaucht, wird er rausgeworfen, genau wie Helmut Schnells Radsportfreund Ralf Möller, der seinen alten Kumpel besuchen will. Auch die ZEIT wird später, als sie nachfragen will, ohne Auskunft abgewiesen. Helmut Schnell unterschreibt, was ihm die Heimleiterin vorlegt, nämlich seine Vertragskündigung, obwohl er den Text nicht lesen kann. Er glaubt, mit der Anreise von Arnold sei der Selbstmord so gut wie ausgemacht. Der Sohn ist in Panik. "Auf einen Schlag war mein Vater obdachlos", sagt er. Wohin mit ihm, falls er weiterlebt? Er traut sich die Pflege nicht zu.

Arnold schlägt vor, das Beratungsgespräch in der Wohnung des Sohnes zu führen. Als Volker Schnell eintrifft, steht bereits ein Polizeiwagen vor der Tür. Die Heimleiterin hat die Beamten informiert. Arnold wird festgenommen und aufs Polizeirevier gebracht. Ein Polizist rät Volker Schnell, dort ebenfalls eine Aussage zu machen. Für den alten Vater rufen die Polizisten einen Krankentransport. Er wird zwangseingewiesen in eine fast hundert Kilometer entfernte Psychiatrie.

Die Kasseler Kriminalpolizei begründet ihre Maßnahmen später mit dem Freiheitsentziehungsgesetz, das in Hessen seit 1952 gilt. Menschen, die "infolge ihres Geisteszustands" eine "Gefahr für sich selbst" darstellen, können demnach in einer geschlossenen Krankenabteilung untergebracht werden. Wenn die Polizei einen Selbstmörder ausmacht, kann sie ihn in die Psychiatrie einliefern lassen. Sie muss es allerdings nicht. Schon gar nicht, wenn es sich dabei um einen körperlich schwer kranken Neunzigjährigen handelt. Wird festgestellt, dass der Eingelieferte geistig gesund ist, muss die Psychiatrie ihn innerhalb von 24 Stunden gehen lassen.

Das weiß Volker Schnell nicht, er beschließt, alles zu tun, um seinen Vater zu befreien. Aber zunächst hängt er auf dem Polizeirevier fest. Eine gute Stunde muss er warten, während Arnold sich von einem Polizisten fragen lassen muss, ob er wisse, wie alte Damen nach der Einnahme von Zyankali aussähen. Schmerzverzerrte Gesichter hätten deren Leichen, schimpft der Polizist. Arnold mache Geschäfte mit dem Tod! Volker Schnell wird ebenfalls belehrt. Er ist außer sich, beschimpft die Polizisten als Folterknechte, will sie verklagen. Draußen schneit es, die meisten Autos fahren nur im Schritttempo, er denkt sich: Schon der lange Krankentransport zur Psychiatrie muss für seinen Vater eine Tortur sein. Abgekämpft kehrt er mit Arnold in seine Wohnung zurück.

Der Vater kommt derweil in der psychiatrischen Klinik an. Dort hat er Glück: Ärzte und Schwestern sind freundlich. Ein Arzt bescheinigt, dass Helmut Schnell nicht depressiv ist, nur lebensmüde. Für den Verlauf der kommenden Tage ist das ein entscheidender Unterschied. Depressionen können behandelt werden; hätte der Arzt eine solche beim Vater diagnostiziert, hätte er wohl in der Klinik bleiben müssen. Und auch Arnold, der Sterbehelfer, hilft aus Prinzip keinen Depressiven. Doch so könnte Helmut Schnell theoretisch sofort entlassen werden. Nur weil er keinen Heimplatz mehr hat, muss er noch ein paar Tage bleiben.

Volker Schnell bereitet in der Zwischenzeit alles für den assistierten Selbstmord vor. Er bestellt einen Krankenwagen, wegen des Schnees will er den Transport im eigenen Auto nicht riskieren. Er besorgt die Fotoalben und den Kuchen. Er findet ein Versteck für die Giftpillen von Arnold. Der Freund soll bei den Vorbereitungen dabei sein, um notfalls als Zeuge auszusagen. Außerdem legt Volker Schnell sein Lieblingsbuch bereit, einen Krimi. Er rechnet damit, dass er nach dem Tod seines Vaters verhaftet wird und die Nacht im Polizeipräsidium in einer kargen Einzelzelle verbringen muss. Er kennt sie von Recherchen für seine Bücher.

Als sein Vater eintrifft, hält sich Schnell an den Ratgeber, den Arnold ihm dagelassen hat. Darin empfiehlt er unter anderem, die Wohnung zu verlassen, sobald der Vater den Brei und den Saft eingenommen hat. Denn die sogenannte gesetzliche Garantenpflicht schreibt vor, dass Menschen in lebensbedrohlichen Situationen beizustehen ist. Wer beispielsweise einen schweren Verkehrsunfall miterlebt, muss Hilfe rufen. Sterbehelfer dürfen nicht neben einem Selbstmörder sitzen bleiben, während die tödlichen Medikamente ihre Wirkung entfalten. So verrückt sind die geltenden Gesetze: Der Suizid selbst ist nicht strafbar, darum ist es auch die Beihilfe nicht. Nur die unterlassene Hilfeleistung ist ein Delikt.

Am Todestag kommt keine Polizei. Dennoch ist der letzte Nachmittag im Leben seines Vaters nichts, woran Volker Schnell sich gerne erinnert. Bis zum Schluss fürchtet er, sein Vater könnte das Gift erbrechen und weiterleben. Außerdem fällt ihm ein, dass der Vater einen Herzschrittmacher hat. Wird das Gift trotzdem wirken? Weil der Sohn angespannt ist und der Vater erschöpft, wird in den letzten Stunden nicht viel gesprochen. "Du hast sie ausgetrickst", sagt Helmut Schnell anerkennend zu seinem Sohn, als er seinen Brei aufgelöffelt hat. Später wird Volker Schnell sagen, er sei seinem Vater nie so nahe gewesen wie in dem Moment, in dem er ihm beim Sterben half.