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Am Dienstag, unmittelbar vor seiner Abreise nach China, erschreckte Tayyip Erdoğan noch mal eben die Weltöffentlichkeit. "Unmöglich" sei es geworden, sagte der türkische Präsident auf einer Pressekonferenz, den Friedensprozess mit der kurdischen PKK fortzusetzen. Kurz vorher hatte seine Luftwaffe kurdische Stellungen im Nordirak angegriffen, ja sogar im syrischen Kobane – ausgerechnet in jener Stadt also, aus der die Kurden unter dem Beifall der Weltöffentlichkeit die Terrortruppen des "Islamischen Staats" (IS) verjagt hatten.

Erdoğans Vorstoß war wohlkalkuliert. Zur gleichen Zeit trat der Nato-Rat zu einer von der Türkei einberufenen Sitzung zusammen, um dem Land politische Rückendeckung im Kampf gegen den IS zu geben. Über die jüngsten Luftangriffe auf die Kurden im Irak und in Syrien hingegen verlor das Militärbündnis kein offizielles Wort. Sie werden also geduldet. Auch wenn zuvor einige Bündnispartner wie Deutschland zur Mäßigung geraten hatten.

Der 2013 mit der PKK vereinbarte Waffenstillstand ist damit zerrissen. Und die Türkei hat sich in die paradoxe Situation begeben, sowohl den IS als auch dessen härtesten Gegner zu bekämpfen – die PKK sowie ihr syrisches Pendant, die PYD.

Die syrischen Kurden hatten in den vergangenen Monaten zusammen mit Rebellen der Freien Syrischen Armee dem IS dermaßen zugesetzt, dass bereits über eine mögliche Rückeroberung von Rakka spekuliert wurde, der faktischen Hauptstadt des Kalifats. Vorausgesetzt, die kurdisch-arabische Koalition würde ausreichend von den USA und der Türkei unterstützt. Seitdem Ankara mit amerikanischem Einverständnis kurdische Stellungen beschießt, ist es damit erst einmal aus.

Die raue Kriegswirklichkeit wird erweisen, wie unhaltbar die türkische Position auf Dauer ist. Denn wer soll die von Ankara und Washington angestrebte "IS-freie Zone" erobern und halten, wenn nicht die Kurden? Mit Kampfflugzeugen allein geht das nicht, Bodentruppen wiederum wollen weder die USA noch die Türkei nach Syrien entsenden; die groß angekündigte moderate Rebellentruppe schließlich, die unter den Fittichen des Pentagon irgendwann gegen das Kalifat marschieren soll, besteht bislang bloß aus 60 Mann.

Vor den jüngsten türkischen Attacken auf die kurdischen Stellungen gab es durchaus Hoffnung auf ein Umdenken in Ankara. Vor allem nach dem Selbstmordattentat vom 20. Juli. Ihm fielen in der Grenzstadt Suruç 32 Anhänger einer sozialistischen Jugendbewegung zum Opfer, die in der syrischen Stadt Kobane beim Wiederaufbau helfen wollten. Es war der erste Anschlag in der Türkei, den die Regierung dem IS anlastete. Nun reihte sie sich – nach langem Zögern, viel internationaler Kritik und Spekulationen darüber, ob sie die Augen vor dem IS im eigenen Land verschließe, ja ihn gar unterstütze – in das Bündnis gegen die Dschihadisten ein. Endlich griffen türkische Luftwaffe und Artillerie syrische IS-Stellungen an, endlich gestattete Ankara der US-Luftwaffe, von der Basis Incirlik aus Angriffe gegen den IS zu fliegen.

Damit ist die Türkei Teil der Anti-IS-Koalition geworden. Und schwächt sie doch zugleich, indem sie gegen die Kurden kämpft. Wie um alles in der Welt kommt dieses Paradox zustande? Die Antwort ist bitter: aus Gründen der Innenpolitik.

Über sein Motiv hatte Erdoğan schon einmal Auskunft gegeben: "Wir werden es niemals zulassen, dass an unserer Grenze im Süden, im Norden Syriens, ein kurdischer Staat gegründet wird. Koste es, was es wolle." So kommentierte das Staatsoberhaupt vor vier Wochen den Erfolg kurdischer Einheiten, die – von der US-Luftwaffe unterstützt – den IS aus der syrischen Stadt Tal Abjad verdrängt hatten.

Erdoğans Äußerung brachte auf den Punkt, wie seine Regierung über die Veränderungen in der Region denkt. Während der Bürgerkrieg Syrien zerfleischte, gelang es den Kurden in dessen Norden im Winter 2013/14 nämlich, ein großes Gebiet unter ihre Kontrolle zu bringen. Sie nannten es "Rojava" und etablierten dort eine Selbstverwaltung, an der alle ethnischen Gruppen teilhaben sollten. Ausgerechnet die Kurden, diese ewigen Verlierer im Nahen Osten, als einziges großes Volk in der Zeit der Staatengründungen 1919 bis 1932 leer ausgegangen und über lange Zeit hinweg unterdrückt, hatten auf einmal ein Stück der Landkarte neu gezeichnet. Von nun an galt Rojava, das aus den Kantonen Afrin, Kobane und Cizre besteht, als das sicherste Gebiet im Kriegsland Syrien.

Bis der IS nach Kobane vorrückte. Im Herbst 2014 schaute die ganze Welt wochenlang auf diese kleine Stadt, deren Namen vorher wohl die wenigsten jemals gehört hatten, und verfolgte den Kampf der Kurden gegen den IS.

Besonders eine Hauptstadt schaute aufmerksam hin, als sich abzeichnete, dass die Kurden dem IS standhalten würden. Wenn den Regierungsvertretern in Ankara nicht vorher schon angesichts der einen oder anderen Flagge in kurdischen Farben oder mit dem Konterfei des PKK-Führers Abdullah Öcalan an der syrisch-türkischen Grenze mulmig wurde, dann spätestens jetzt. Denn so sah es nun aus: Die Kurden waren die Helden, Kobane war ihr Symbol und die türkische Regierung mit all ihren Panzern an der Grenze nur ein untätiger Zuschauer ohne Plan.