Es gab nach dem Zusammenbruch des Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008 einen Moment, in dem allen Beteiligten klar wurde, dass die Lage durch kurzfristig einberufene Rettungswochenenden nicht mehr unter Kontrolle gebracht werden kann und eine umfassende Antwort auf die Krise nötig ist. Europa ist heute an diesem Punkt. Ohne grundlegende institutionelle Reformen werden die Verteilungskonflikte in der Währungsunion den letzten Rest europäischer Solidarität zerstören.

Die politischen Bemühungen richten sich jetzt darauf, nachzuholen, was bei der Einführung des Euro versäumt worden ist. Die Währungsunion soll Schritt für Schritt durch eine politische Union ergänzt werden. Das hat Wolfgang Schäuble im Sinn, wenn er sich dafür ausspricht, die "Konstruktionsfehler" des Maastrichter Vertrags zu beheben, und nun seine Fachleute sogar darüber nachdenken lässt, mit einem Teil der nationalen Steuereinnahmen einen europäischen Etat zu finanzieren.

Das wird nicht funktionieren. Es gibt in den großen Mitgliedsländern keinerlei Bereitschaft für einen integrationspolitischen Quantensprung – erst recht nicht nach dem Desaster in Griechenland. Schäubles Vorstoß wäre ein Schritt in Richtung einer europäischen Staatlichkeit. Staaten lassen sich aber nicht am Reißbrett entwerfen. Selbst die USA benötigten 200 Jahre und einen Bürgerkrieg, um das finanzielle Verhältnis des Zentralstaats zu den Bundesstaaten zu klären. Die erste Reaktion auf eine europäische Steuer könnte jedenfalls die Gründung einer europäischen Tea Party sein – und wer wollte einer solchen Bewegung angesichts der bislang nicht lösbaren Legitimationsdefizite auf europäischer Ebene etwas entgegenhalten?

Wenn die Entscheidung über den Euro heute noch einmal anstünde, man würde sie wohl so nicht noch einmal treffen. Doch die Euro-Länder sind mittlerweile finanziell so eng miteinander verwoben, dass das Gebilde – ohne enormen wirtschaftlichen und politischen Schaden anzurichten – praktisch nicht mehr entwirrt werden kann. Insofern könnte Angela Merkel recht haben mit ihrer Feststellung, dass Europa scheitert, wenn der Euro scheitert.

Die Zukunft des Kontinents entscheidet sich also an der Frage, ob es gelingt, die Währungsunion ohne weitreichende staatliche Strukturen zu stabilisieren. Das Elend der Griechen zeigt, wo ein Ausweg aus dem Dilemma liegen könnte. Denn dass das Land so tief im Schlamassel steckt, liegt vor allem daran, dass die drohende Staatspleite das gesamte Land verwüstet hat, weil die Banken geschlossen werden mussten und damit die finanzielle Infrastruktur der Wirtschaft lahmgelegt wurde.

Das ist kein Unfall, sondern systemimmanent. Die Europäische Zentralbank (EZB) darf bankrotten Banken nun einmal keine Euro mehr zur Verfügung stellen. Und weil sich Staaten in der Regel bei ihren Banken finanzieren, sind die Banken bankrott, wenn der Staat bankrott ist. So droht innerhalb der Währungsunion bei jeder Staatspleite gleich das finanzielle Armageddon. Deshalb soll nun wieder Geld nach Griechenland fließen, um eine solche Pleite zu verhindern, obwohl doch dabei nur neue Schulden auf die alten getürmt werden. Und deshalb der Staatsbankrott nach den derzeitigen Regeln fast automatisch den Austritt erzwingt.

Das muss nicht so sein. Eine Währungsunion mit Pleiteoption ist durchaus vorstellbar. Die wichtigste Voraussetzung wäre die radikale Vergemeinschaftung des Bankenwesens. Alle europäischen Kreditinstitute müssten direkt der europäischen Bankenaufsicht unterstellt und im Pleitefall aus einem gemeinsamen europäischen Fonds saniert werden. Ganz ähnlich läuft das in den USA, wo die Federal Deposit Insurance Corporation einschreitet, wenn eine Bank in Schieflage gerät. Weil es eine solche Einrichtung gibt, müssen die Banken in Florida eben nicht schließen, wenn Florida das Geld ausgeht. Und deshalb ist die Pleite eines Bundesstaates in den USA auch keine nationale Katastrophe.

Keine Frage: Auch das kostet Geld. Der Fonds müsste groß genug sein, um auch Megabanken stützen zu können. Und für etwaige Verluste würden am Ende die Steuerzahler in ganz Europa geradestehen. Die Möglichkeit eines geordneten Staatsbankrotts würde die Gemeinschaft entlasten. Sie könnte es sich erlauben, den Mitgliedsstaaten die Konsequenzen ihrer eigenen Entscheidungen aufzubürden. Wer schlecht wirtschaftet, der muss staatliche Leistungen kürzen – aber das wäre dann eine nationale Angelegenheit und keine europäische mehr. Eine solche Union brauchte deshalb auch weniger Rettungsschirme und weniger Regeln.

Für die Anhänger eines geeinten Europas war die Währungsunion immer eine List der Vernunft: Sie erzwinge durch die Auflösung ihrer inneren Widersprüche jene politische Union, ohne die dem Kontinent die welthistorische Bedeutungslosigkeit drohe. Inzwischen ist offenkundig, dass die Auflösung dieser Widersprüche das gesamte europäische Projekt in Gefahr bringt. Vielleicht ist es Zeit für eine weniger ambitionierte Alternative.

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