Studentenblumen auf dem Grünen Hügel © JOHANNES SIMON/AFP/Getty Images

Bei Gottfried Benn konnte man lesen: "Gehe von deinen Beständen aus, nicht von deinen Parolen!" Für den Bayreuth-Besucher gilt eher die Devise: "Mach dich auf Überforderungen gefasst!"

Der Wagnerianer versteht die Welt besser als der Profane, weil er mit Überforderungen rechnet. Die Welt ist alles, was zu viel ist.

Das fängt hier schon mit den Rollen und den Besetzungslisten an. Wie lauten eigentlich die Namen der Rheintöchter? Man möchte wetten, unter den fast zweitausend Besuchern von heute gibt es nicht zehn, die imstande wären, Floßhilde, Wellgunde und – verdammt, wie hieß die dritte? – zu nennen. Von den Walküren schweigen wir. Den Damen-Achter mit Leiche und Ross hat seit 140 Jahren niemand aufzuzählen vermocht, den Korrepetitor ausgenommen.

Und überhaupt, man kann Wagner nicht genug bewundern, wie er sich mit seiner Erfindung der Festspiele an dem Grundübel des modernen Kulturbetriebs, der Interpretenherrschaft, im Voraus schadlos hielt. Er sah voraus, es werde eine Zeit kommen, in der man die Namen des Regisseurs, des Dirigenten, des Wotan-Sängers und der Premieren-Prominenz aus beliebigen Hauptstädten wichtiger nehmen würde als den seinen.

Das Komponisten-Elend ist groß seit je. Diese Wehrlosigkeit, die jede Partitur umgibt! Diese klägliche Abhängigkeit des Werks von denen, die es aufführen! Was tun, wenn sie es in die Irre führen? Und kommt es schlimmer, führen sie es ab. Aber so zynisch, besser: so professionell auch Wagner stets agierte, um durchzusetzen, was ihm wichtig schien, den Zynismus seiner Erben vermochte selbst er nicht vorherzusehen. Undenkbar wäre ihm gewesen, seinen Ring des Nibelungen einem Gestalter anzuvertrauen, der sich als Kunstabführer einen Namen gemacht hatte.

Eine gute Idee hatte der ja. Er milderte die krasse Unspielbarkeit des Rheingolds ab, indem er die Szene an eine öde Tankstelle im amerikanischen Westen der fünfziger Jahre verlegte, an die Route 66, wohin sonst?, einen Blödsinnsort, der an Unmöglichkeit sogar den Rheingrund übertrifft, wohin das Stück ursprünglich gehört. Von da aus trat die Gattung der Fantasy-Fiction ihren Siegeszug an. Das Außerkraftsetzen des Unglaubens wurde seither zum Massensport. Dass die Rheintöchter statt naive Naturwesen jetzt Huren sein müssen und dass die Götter als Gangster kenntlich zu machen sind, nun ja, ein bisschen Aufklärung darf sein. Diesen Verkleidungen braucht keine Idee zugrunde zu liegen, der bedingte Reflex tut es ebenso gut. Feuerbach hat es vor 170 Jahren ausgesprochen: Menschen projizieren, seit sie menschlich sind. Jetzt sind wir so weit, sie beim Projizieren und Assoziieren zu beobachten. Für das Theater wird das verhängnisvoll: Es zwingt das Publikum, Figuren zuzusehen, die dümmer sind als es selbst. Die Tendenz ist klar. Man geht nicht mehr hin. Dümmer als ich selbst bin ich auch zu Hause.

Noch einmal meldet sich Nietzsche zu Wort. Hatte er nicht mit wahrsagerischer Deutlichkeit ausgesagt, Wagner sei das "unhöflichste Genie der Welt" gewesen? Dieses sensationelle Nicht-ernst-Nehmen des Publikums, dieses Niederwalzen jedes noch nicht vereinnahmten Bewusstseins, diese Verschränkung von subtiler Verführung und umwerfender Vergewaltigung, war das nicht Wagners Habitus seit je? Man meinte damals wohl, jedes Weitergehen auf diesem Gebiet sei unmöglich. Wer von Bayreuth nach Hause reiste, war sich bewusst, dass eine Anzeige zwecklos wäre. Eine Vergewaltigung wie diese glaubt dir auf dem Revier niemand.

Man hatte sich getäuscht. Dass Wagners Unhöflichkeit seit je von einer Zartheit ohnegleichen kompensiert wurde, wissen jene, die beim Zuhören entwickeln, was man einst "neue Ohren" nannte. Auf dem Gebiet des Für-blöd-Haltens einer andachtswilligen Versammlung hingegen war Fortschritt möglich.

Der aktuell amtierende Wagner-Clan setzt diese Tendenz in seine Rechnungen ein. Träte Katharina Wagner als Rheintochter auf, leicht würde man sie bewundern, ohne ein Prinzip zu verletzen. Es gibt lokale Fotografen, die sie gut aussehen lassen. Da sie nicht singen kann, sondern Verfügungen über Künstler trifft, ist ihr Gebrauchswert limitiert. Sie dient bis auf Weiteres als lebender Beweis dafür, dass Talent nicht erblich ist. Über den Spielraum ihres Lernvermögens ist nicht entschieden. Kürzlich gingen Kritiker so weit, über eine Inszenierung von ihr Gutes zu sagen.

Ein Wort über die Walküre dieses Sommers soll nicht fehlen. Dass der Regisseur ein Zyniker und ein Schlamper ist, weiß man nicht erst, seit er am Hügel seine Visitenkarte abgab. Der aktuelle Kulturbetrieb benutzt Zyniker und Schlamper als Informanten über das, was als Nächstes kommt. Wer ärger schlampt als andere, prägt die nächste Saison. Wer das Publikum heftiger verachtet als andere gelernte Verächter, wird weitergereicht in die nächste Runde.

Es war das Glück dieser Walküre, dass dem Regisseur zu ihr nichts einfiel, außer dass er dem maßlos monologisierenden Wotan ungefähr zur Halbzeit seiner problematischen Tirade einen Stuhl unterschieben ließ. Man hatte ansonsten Lust, ihm dafür zu gratulieren, wie wenig er die Sänger behinderte. Gegen das Stück war er gleichgültig genug, um Kunstaugenblicke zuzulassen. Fast war man bereit, für seine Lustlosigkeit dankbar zu sein. Sie ließ Raum dafür, dass der Dirigent zum Blühen brachte, was Paul Bekker einst die "instrumentalen Instinkte" Wagners genannt hatte.

Ein Wort noch zu dem Publikumsverachtungsstandort Bayreuth. Gegen die kondensierte Verehrung der Besucher kommt hier niemand auf. Keine Herabsetzung vermag dort die Emporhebung zu entmutigen. Das musste wissen, wer am Hügel inszenierte. Auch Schlingensief, unvergessen, fand es seinerzeit heraus. Man hatte ihn listig-verächtlich als Wirrkopf und Sensationsbeschaffer hinzugezogen, als Künstler verließ er den Platz.

Und jetzt? Erneut setzt man auf die Berliner Karte. Gleichwohl, mit Wagnerianern soll man über dieses Rheingold reden. Mit Verkehrungen kennen sie sich aus. Sie haben gelernt, das Abwegige "anregend", das an den Haaren Herbeigezogene "spannend" und das Misslungene "interessant" zu finden. Ja, interessant war das Rheingold gewiss. Man kommt mit dieser Feststellung unvermeidlich auf Nietzsche zurück, der sich bezichtigte, zeitweilig der korrupteste Wagnerianer gewesen zu sein. Früher als die übrigen Kulturkritiker hatte er verstanden, was das Wesen des Interessanten ausmacht: Es bildet das Produkt aus den drei Stimulanzien der Entnervten – aus dem Brutalen, dem Künstlichen, dem Idiotischen. In heutiger Sprache: Aktion, Spezialeffekte, Sentimentalität. Womit der Turiner Toxikologe die beginnende Massenkultur nahezu erschöpfend beschrieben hatte. Seit dem Sommer 1888 steht es schwarz auf weiß. Nietzsche hatte den Fall Wagner zum Fall der Moderne ausgeweitet.

Wagner war damals seit fünf Jahren tot und ruhte in der Bayreuther Gruft, falls Ruhen der passende Ausdruck ist. Man hat ihn ja im Verdacht, er verlange noch fürs Totsein Tantiemen. Die Heraufkunft des schauspielerischen Typs in der Kultur, sie macht auch vor den Toten nicht halt.

Hier fing sie an, die moderne Reiz-Wirtschaft. Wir sprechen darüber ausführlich später.