Olio, Kirsch-Balsamico, Nudeln. Sülze. Frische Brötchen. Die Rezepte, wie man einer ausgezehrten Buchbranche Leben einhaucht, diversifizieren sich. Der Protagonist der Entwicklung ist im Nordhessischen zu finden, der märchenhaften Heimat der Brüder Grimm. Es ist ein ausgeschlafener Typ namens Frühauf, der, nomen ist doch omen, seinen Buchladen in Bad Sooden-Allendorf gar nicht früh genug aufschließen kann. Nämlich um 7.30 Uhr, und sie rennen ihm die Bude ein. Umsatzplus in diesem Juli: 16 Prozent. Do bäßde bladde!

Man hört das Zähneknirschen der Konkurrenz. Der geht es gar nicht gut. Das zweite Quartal 2015 liegt mit den Umsätzen 3,3 Prozent zurück. Mehr als 60 Prozent der Buchhändler geben an, die Zahl der Käufer sei geschrumpft. 33 Prozent rechnen mit weiteren Verlusten. Das sind viele deprimierte Buchhändler. Ja, wo sollen die Käufer auch herkommen. Bevölkerungsschwund: millionenfach. Keine Kinder, keine Leser, schon weil der Buchverbrauch ja im Kindesalter am höchsten ist ("Mama, nur noch drei Bücher!" – "Nein, Licht aus!"). Wenn die Kinder erwachsen sind, finden sie Lesen langwierig. Nur noch 44,6 Prozent der Erwachsenen geben an, pro Jahr ein Buch zu lesen. Zuwächse aber bei Twitter, 140 Zeichen, maximal 25 Wörter halten die Leute aus. Es sei denn, man gibt ihnen Futter.

In Bad Sooden-Allendorf waren im Frühjahr 2013 zwei Dinge zusammengekommen: Der Biobäcker musste schließen. Und: Umsatzeinbruch im Buchladen von 20 Prozent. War es das Wetter? Eine Bestseller-Schwäche? Etwas musste passieren. Hessen ist ein fantasievolles Land, hier ist Mario Adorf der Co-Betreiber eines Literaturfestivals, es wird in Kuhställen gelesen, man sieht interessante Paarungen wie Willi Winkler und Iris Berben, im Gespräch. Nun also: Buch und Brötchen. Frühauf räumte zwei Regalmeter buchfrei – und schon schwebte neuer Duft über den Regalen. Was "Verkauft sich wie frisches Brot" bedeutet, zeigt sich jetzt. Früher schloss Frühauf um acht den Laden auf, und der erste Kunde kam gegen elf. Jetzt begehrt er also um 7.30 Uhr Einlass, wählt zwischen Dinkel-Mohn oder Dinkel-Graham und nimmt noch gleich die Zeitung dazu.

Denkt man die Linie Biobrötchen konsequent weiter, ist man beim Biohonig, von dem es drei Sorten gibt. Die Biostracke dazu, die sogenannte Ahle Wurst, die schlachtwarm verarbeitet wird, im Darm gärt und acht Wochen reifen muss. Brotgeruch wurde von Wurstausdünstungen überlagert, ein Kühlschrank wurde angeschafft. Heute kann jeder Taxifahrer dem Touristen zeigen, wo in Bad Sooden-Allendorf der einzige Ort ist, an dem eine echte Ahle Wurst zu haben ist, im Buchladen nämlich. Und dort verkaufen sich jetzt auch wieder Bücher. Umsatz: stabil bis steigend.

Man komme ja ins Gespräch, wenn die Leute erst mal im Laden stehen, sagt der Buchhändler. Wer da sei, dem könne man auch ein Buch empfehlen. Die Studienrätin nimmt den neuen Harper-Lee-Roman. Die Kinder schleppen aus der Kinderecke ihre Trophäen an. Die alte Dame will für ihr E-Book den neuen Follett. Und die junge Mutter? Kauft vielleicht 80 Rezepte für hausgemachtes Eis und ein Säckchen Biokartoffeln. "Für jeden Geschmack etwas" – klingt plötzlich superneu.