Es dauert keine dreißig Sekunden, dann hat er sich warm geredet. Satzfetzen hallen durch die Lobby des Hotels in Amman: "Osama bin Laden aus der Höhle ... wie der Prophet ... ›Islamischer Staat‹ ... perfekte Propaganda". Andere Gäste schauen irritiert von ihren Smartphones und Espresso-Tassen auf, die Kellnerin dreht geflissentlich wieder ab. "Sorry", sagt er, "ich merke gar nicht, wenn ich zu laut werde." Nicht nur seine Stimme lässt andere zusammenzucken. Mit kahl geschorenem Schädel, bulliger Statur, Ziegenbart und einer langen Narbe über der linken Gesichtshälfte sieht Suleiman Bakhit aus wie der Boss einer Motorradgang. Ein Missverständnis, das ihn nicht wirklich stört. Provokation erzeugt Aufmerksamkeit, und die genießt er. Der BBC und anderen internationalen Medien erklärt er immer wieder die jordanische Stimmungslage in Sachen Salafismus und "Islamischer Staat", vor Kurzem trat er in Washington auf einer Anti-Extremismus-Konferenz des Weißen Hauses auf. Letzteres ist nicht unproblematisch: Jordanier, denen Nähe zu den USA nachgesagt wird, erregen schnell den Zorn von Leuten, die Amerika für das Böse schlechthin halten. "In deren Augen", sagt Bakhit, "ist mein Ruf eh schon ruiniert."

Bakhits Geschäft ist die Produktion arabischer Helden – und zwar solcher, die nichts mit "heiligen Kriegen" zu tun haben wollen. Sie heißen "Naar" oder "Element Zero", sie schützen – mal mit strubbeligen Haaren und Flip-Flops, mal als Hightech-Agenten – ihr Heimatland Jordanien oder gleich den ganzen Mittleren Osten vor Gefahren.

Bakhits Geschichte als Pionier einer arabischen Comic-Kultur begann im Februar 2002 in Minneapolis, wenige Monate nach den Anschlägen vom 11. September. Tu so, als wärst du Mexikaner, hatte sein Vater ihm am Telefon geraten. Bakhit, Student der Ingenieurwissenschaften und Sprecher der ausländischen Studenten an der University of Minnesota, schlug den Rat in den Wind, schließlich war er längst allen als Suleiman bekannt. "Fucking Arab!", riefen ihm eines Abends vier angetrunkene Männer hinterher und richteten ihn mit zerbrochenen Bierflaschen übel zu. Koffer packen und mit Wut im Bauch nach Hause – das war sein erster Impuls. Aber er blieb, studierte weiter und ließ sich in Schulen einladen, damit amerikanische Kinder einen Araber zu sehen bekamen, der ihnen nicht den heiligen Krieg erklärte. "Gibt’s bei euch einen Superman?", fragten ihn eines Tages einige Sechsjährige. "Oder einen arabischen Batman?" Er schüttelte den Kopf. Mitleidiges Unverständnis bei den Kindern. Ein komisches Land, Jordanien, wo kein Superheld gegen das Böse kämpft.

Drei Jahre später kehrt er mit einer fixen Idee im Kopf in seine Heimat zurück: Er will Comics für arabische Kinder und Jugendliche entwickeln. Wieder geht er in Schulen, fragt die Kinder nach ihren Heldenfiguren. Sie haben keine, aber nicht wenige finden Osama bin Laden cool. Der zeige es den Amerikanern so richtig, die alle Muslime töten wollten. "Das ist der Kernsatz aller terroristischen Propaganda", sagt Bakhit.

Er studiert die Werbestrategien von Al-Kaida und IS genau. Osama bin Ladens inszenierte Biografie des verwöhnten Sohnes aus reichem Haus, der nach einer religiösen Erweckung und einer Feuerprobe in den Höhlen Afghanistans zum islamischen Helden wird, lehne sich, so Bakhit, "geschickt an den Lebenslauf des Propheten Mohammed an". Vergiss dein altes, unbedeutendes Leben, komm zu uns, werde unsterblich – das sei die Botschaft, die so viel Anklang finde. Die Dschihadisten, sagt Bakhit, "haben sich die Geschichten des Heldentums angeeignet – weil wir keine alternativen Erzählungen bieten". Er beginnt Skizzen zu zeichnen, kontaktiert internationale Cartoonisten, sammelt Geld, tüftelt immer wieder mit Schulkindern an Geschichten. Nicht über Sindbad und Aladin, auch nicht über Muskelmänner in Spandex-Anzügen wie Superman oder Batman. Die amerikanische Comic-Ästhetik mag Bakhit nicht. Er sei von japanischen Zeichnern der Manga-Bücher inspiriert, sagt er, "von Go Nagais Grendizer, und Hayao Miyazaki". Namen, die man als Comic-Laie nach dem Gespräch erst einmal googeln muss.

So entstehen erste jordanische Comic-Serien, zum Beispiel über Naar, einen Teenager, der sich mit Freunden in einer Welt voller Gefahren und ohne Erwachsene durchschlagen muss. Oder Element Zero über einen arabischen Superagenten, der es den Terroristen so richtig zeigt. Auf Facebook auch als Spiel angelegt, findet Element Zero binnen kurzer Zeit mehrere Zehntausend jugendliche Anhänger aus arabischen Ländern. Einige Spieler geraten sich schnell über Religion und Gewalt, Gut und Böse in die Haare. "Ich musste mich in der Rolle von Element Zero selbst auf Facebook in die Debatte einschalten", sagt Bakhit, "damit wieder Ruhe einkehrte."

Mit Comics gegen islamischen Extremismus: Ausgestattet mit der Eloquenz eines amerikanischen Motivationsredners, predigte Bakhit dieses Mantra auf internationalen Konferenzen und vor jordanischen Stiftungen und Sponsoren. Er durfte seine Bücher gratis an Schulen verteilen, bekam ein TED-Fellowship, startete Projekte mit international renommierten Comic-Autoren wie dem Briten Tony Lee.