Inzwischen hat er erste Rückschläge einstecken müssen. Finanzierung, Druck, Vertrieb – all das sind für arabische Autoren und Verleger deutlich größere Hindernisse als für ihre Kollegen im Westen. Hinzu kommt die Zensur, auch wenn sie in Jordanien subtiler ausgeübt wird als in anderen Ländern. Gegen arabische Helden hatte der Staat nichts einzuwenden. Doch als Bakhit eine Graphic Novel mit dem Titel Saladin 2050 entwickelte, in der sein Held in einem verwüsteten Mittleren Osten mit leer gepumpten Ölfeldern eine neue, saubere Energiequelle für die Welt entwickelt, wurde ihm vonseiten der Behörden bedeutet, das Projekt auf Eis zu legen. Ein Science-Fiction-Comic, in dem die Haschemiten-Dynastie des jordanischen Königshauses nicht mehr existiert – das ging dem Sicherheitsapparat offenbar zu weit.

Dass Bakhits Vater ein prominenter Politiker und ehemaliger Premierminister ist, half ihm nicht. Seine erste Firma Aranim Media Factory hat er inzwischen zumachen müssen. Derzeit wirbt er um Investoren für sein nächstes Unternehmen Hero Factor und hofft, Saladin 2050 demnächst doch auf den Markt bringen zu können. "Jordanien", sagt er, "ist ein Land im Übergang. Alles befindet sich in einem Prozess der Veränderung, von der Religion bis zur Rolle der Frau. Es ist eine heilsame Debatte und gleichzeitig ziemlich chaotisch." Auch sein Comic Section 9 über eine rein weibliche Anti-Terror-Einheit durfte nicht veröffentlicht werden. Noch nicht. Zuletzt gab es wieder konziliante Signale von staatlicher Seite.

Ganz allein sind Bakhits Superhelden in der muslimischen Welt nicht. Ein anderer Vorreiter des Comic-Trends ist der Kuwaiter Naif al-Mutawa mit seiner Buch- und TV-Serie The 99. Gemeint sind 99 Steine, die das jahrhundertealte Wissen islamischer Blütezeiten gespeichert haben und nun in allen Ecken der Welt wieder auftauchen. Jeder symbolisiert einen Namen und eine Eigenschaft Allahs, und jeder verleiht Jungen und Mädchen in verschiedenen Ländern Kräfte, mit denen sie gefährliche Missionen meistern. Die Serie läuft inzwischen nicht nur in arabischen Ländern, sondern auch in Indien, China, Australien und sogar auf Tahiti. In Kuwait gibt es inzwischen sogar einen The Village 99-Vergnügungspark, in Dubai wurde al-Mutawa im Januar mit dem Islamic Economy Award ausgezeichnet. In Saudi-Arabien ist seine Serie als "unangemessen" verboten. Der "Islamische Staat" überbrachte unlängst per Twitter Todesdrohungen.

In Pakistan läuft seit Sommer 2013 die Comic-Serie Burka Avenger im Fernsehen. Initiator ist der britisch-pakistanische Popstar Aaron Haroon Rashid, Heldin ist die Lehrerin Jiya. Sie zieht als vermummte "Burka-Rächerin" mit spitzen Stiften und scharfkantigen Büchern wie eine Ninja gegen das Böse zu Feld. Das Böse? Es taucht in Gestalt korrupter Politiker und langbärtiger Gewalttäter auf, die Mädchenschulen schließen wollen. Solch offene Kritik an den Taliban ist in Pakistan gefährlich – zumal die Serie hohe Einschaltquoten erzielt.

Natürlich sind all diese Bücher, Social-Media-Games und TV-Serien hochpolitisch, auch wenn ihre Produzenten das Gegenteil behaupten und behaupten müssen. Schon allein das Handlungsschema von Kindern und Teenagern, die entweder keine Erwachsenen brauchen oder deren Probleme lösen – der Grundstoff westlicher Jugendliteratur –, kann Kritik von Konservativen auslösen. Mädchen oder Frauen als Heldinnen sind für viele eine Provokation. Wenn sie dann auch noch ohne jede Lust auf den Märtyrertod die ganze Welt retten, ist das für religiöse Extremisten eine Kampfansage.

"Toxic shame" ist Bakhits Lieblingsbegriff, wenn er deren Motive beschreibt. Vergiftende Scham – das trifft das soziale Gemisch ziemlich gut, das sich Extremisten in vielen arabischen muslimischen Gesellschaften zunutze machen können: religiöse Minderwertigkeitsgefühle, brutale staatliche Repression, wirtschaftliche Desaster und reichlich Verschwörungstheorien über die ewige Demütigung der Muslime. Die große Entgiftung durch die Revolten des Arabischen Frühlings ist weitgehend gescheitert. Übrig blieben entweder die alten Regime mit neuen Gesichtern – oder Schlachtfelder. Das lässt viel Raum für die Propaganda des militanten Dschihad. "Der IS", sagt Bakhit, "bietet die Erlösung von der Scham durch den heiligen Krieg, in dem man gegen das Böse und Unreine kämpft." Also durch die Lizenz zum Töten.

Kann man Massenmörder mit Comics stoppen? Die Frage ist ein bisschen gemein, aber er hat sie schon unzählige Male beantwortet. "Wenn man den IS stoppen will, muss man die Rekrutierung stoppen. Und wenn man die Rekrutierung stoppen will, muss man bei den Kids anfangen und der Propaganda etwas entgegensetzen." Zum Beispiel Geschichten mit selbstbewussten Helden statt selbst ernannten Rachegöttern.

Die Narbe in Suleiman Bakhits Gesicht stammt übrigens nicht vom Überfall 2002 in Minneapolis, sondern von einer Attacke in Amman 2009. Er hatte gerade einen neuen Comic an Schulen verteilen lassen, als ihn Unbekannte vor seinem Büro mit einer Rasierklinge angriffen. Koffer packen und mit Wut im Bauch abreisen war dieses Mal keine Option. Es ist sein Land.

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