Nachdem ich meine Mathematik-Dissertation abgeschlossen hatte, entfernte ich mich Schritt für Schritt von der akademischen Welt und widmete mich der Musik und dem Reisen. Über eine Verkettung von Bekanntschaften landete ich vor einem Jahr am Institute for Disease Modeling in Seattle. Ich arbeite dort in einer Gruppe von Wissenschaftlern und Ingenieuren aus unterschiedlichen Disziplinen, etwa aus der Robotik, der Physik, den Neuro- sowie den Materialwissenschaften. Wir entwickeln Modelle, mit denen sich in Regionen mit geringen Einkommen und großer Krankheitsbelastung Infektionsepidemien eliminieren lassen. Finanziert wird unsere Arbeit von Bill und Melinda Gates. Das Ziel der Gates-Stiftung ist es, Krankheiten wie Polio oder Malaria auszurotten.

Mir war wichtig, mit der Mathematik etwas Sinnvolles zu machen. Aus der mathematischen Physik oder auch aus der Finanzmathematik wissen wir, dass sich technologische Paradigmenwechsel oft in einer einzigen Formel oder einem Theorem verdichten lassen. In der Mathematik der Infektionskrankheiten ist das noch nicht passiert. Da bleibt also genug zu tun. Vergangene Woche war ich auf einer Konferenz in Vancouver. Demnächst steht ein Laborbesuch in Oregon an. Da geht es um einen vielversprechenden, aber auch etwas kontroversiellen Impfstoff gegen HIV. Es besteht die Hoffnung, durch eine Kombination von Impfung, Prophylaxe, Erweiterung des therapeutischen Angebots und Aufklärungskampagnen mittelfristig die Anzahl der Neuinfektionen in Afrika zu verringern. Vielleicht können mathematische Modelle helfen, diese Hoffnung nun zu beziffern.