"Etwas ist nicht geheuer, damit fängt das an." (Ernst Bloch) Ganz und gar nicht geheuer ist der Koffer, der an der Begrenzungshecke eines Kindergartens in der israelischen Industriestadt Cholon abgelegt wurde. Nur allzu wahrscheinlich ist Die Möglichkeit eines Verbrechens , so der Titel des zweiten Romans von Dror Mishani mit dem grüblerisch-versponnenen Kommissar Avraham Avraham. Ist da ein Attentat geplant? Doch der Koffer entpuppt sich trotz tickender Uhr als Bombenattrappe. Festgenommen wird ein Kleinkrimineller, der sich auffällig schnell verdrückt hat. Avraham, gerade aus einem Verlobungsurlaub in Belgien zurück, übernimmt das Verhör. Der schnelle Kriminelle hat Dreck am Stecken, aber er war es nicht.

Da fällt vom Himmel des Erzählers ein zweiter Mann. Ein alleinerziehender Vater, schon älter, er macht sich Sorgen, seine Jungs könnten beunruhigt, gar traumatisiert sein. Eine Bombe in ihrem Kindergarten, dazu Polizei, Menschenauflauf, Angst. Wie schon in seinem faszinierenden Debüt Vermisst (ZEIT Nr. 32/13) erzählt Mishani zweigleisig, abwechselnd aus der Perspektive des Vaters und des Kommissars. Souverän füttert er die Erwartungen der Leser: Irgendetwas müssen die beiden miteinander zu tun haben – aber was? Beide folgen Melodien, die nur sie vernehmen. Es sind Klänge des Misstrauens, verschieden orchestriert.

Chaim Sara, der Vater, hat nur seine Söhne im Sinn. Vertrauen sollen sie ihm, sich ganz in seine väterliche Obhut begeben – und vergessen, was in der Nacht geschah, als ihre Mutter, eine Philippinerin, verschwand. Wie ein Theaterdirektor baut er Kulissen und Abenteuerpfade, um den Kindern die Erinnerungen zu verwischen. Chaim traut sich selber nicht. Seiner Frau traute er erst recht nicht. Jetzt sollen die Kinder ihm, diesem schwankenden Halm, vertrauen. Und wenn sie nicht wollen ...

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 32 vom 06.08.2015.

Der Kommissar fühlt sich beobachtet. Seine Mentorin fürchtet, er steige Wahngespinsten nach, als er hinter den Erklärungen des Zeugen Chaim Sara irgendetwas Bedrohliches wittert. Sie wirft ihm vor, er sei mental noch im vorausgehenden Fall befangen, als es ihm nicht gelang, einem Jungen das Leben zu retten. Zudem knabbert seine Braut in Brüssel am Selbstbewusstsein. Sie soll zu ihm nach Israel kommen, hat aber ihr Handy ausgeschaltet. Angeschlagen, desorientiert, wie neben sich stehend, pflegt er abends seine Sorgenwolken, löst aber tagsüber Fall um Fall. Wie den der Kindergärtnerin, bei der man den Bombenkoffer deponiert hatte. Sie wird er-presst, dann beinahe erschlagen. Lob für den erfolgreichen Avraham, den das kaum rührt. Denn er geht immer noch etwas Numinosem nach, das er nicht fassen kann. In dem ruhelosen Vater brodelt etwas, und Avraham fürchtet dessen Ausbruch.

Mishani ist in seinem zweiten Roman bei sich selbst: keine literarischen Mätzchen mehr. Stattdessen genaue Seelenarbeit: leise, feine Spurensicherungen an inneren Abgründen. In denen jeder stecken kann.