Die Welt der Fanfiction ist vergleichbar mit der Welt der Insekten: Ihre Einzelexemplare erscheinen unbedeutend – und doch gehört ihnen eigentlich der Planet. Fanfiction ist zentralisierte Literatur. Sie wächst rund um einen Haupttext, meist ein berühmtes Erzählwerk, einen Film oder ein Buch. Das Vorgehen ist so theologisch-orthodox wie häretisch: Die genaue Kenntnis aller Aspekte des Bezugswerkes wird vorausgesetzt, gleichzeitig weichen die Geschichten entschieden von den Gesetzen des Urtextes ab. Viele Fans von Harry Potter haben es sich beispielsweise zur Aufgabe gemacht, die zahlreichen logischen Fehler des Plots mit ihren eigenen Erzählvarianten auszubessern. Es gibt auch Fanfiction zu realen Personen. Das wusste ich. Aber dennoch konnte mich nichts vorbereiten auf die ungeheuerlichsten Texte, die man sich vorstellen kann: Anne-Frank-Fanfiction, oder abgekürzt AFFF.

Mich hat immer das Konzept eines "bewegten Röntgenbildes eines Zeitalters" beeindruckt. Der kanadische Literaturwissenschaftler Hugh Kenner verwendete diesen Ausdruck in Bezug auf Ezra Pounds Cantos. Nach Lektüre aller auftreibbaren Beispiele von Anne-Frank-Fanfiction bin ich davon überzeugt, dass sie das bewegte Röntgenbild unseres Zeitalters darstellen. Sie sind der tiefste Punkt. Alle Bezugssysteme brechen dort zusammen, Kompassnadeln drehen durch. Der Marianengraben der Literatur.

Besonders beliebt ist das Genre des AFFF-Cross-overs. Sonic the Hedgehog: World War 2 Dragon ist ein Cross-over von Sonic the Hedgehog und Anne Frank. Sonic und Tails, die beiden berühmten Computerspiel-Igel, sind in der Schule. Mr. Learning, ihr Lehrer, erklärt ihnen, dass sie ein gemeinsames Projekt machen sollen. Sie gehen nach Hause. Tails zeigt Sonic eine Zeitmaschine, die er erfunden hat. Er schlägt vor, sie dafür zu nutzen, zurückzureisen und den Zweiten Weltkrieg ungeschehen zu machen. "Cool", sagt Sonic, "aber wie verhindere ich den Zweiten Weltkrieg?" – "Du musst natürlich Rudolf Hitler töten", sagt Tails. "Jetzt rein mit dir in die Zeitmaschine!" Ein Satz verdient es, hervorgehoben zu werden: "Die Zeitmaschine sah aus wie ein großes graues Ding mit Einzelteilen." Ror Wolf könnte das nicht besser formulieren. Sonic fühlt sich, als säße er in einer Badewanne voller Joghurt. Er landet in Deutschland. "Ich weiß nicht, was ich tun soll", ruft er Tails zu. "Wie soll ich Hitler töten?" – "Dieser blaue Teenager denkt daran, Hitler zu töten! Verhaftet ihn!" Die "Nazzy army people" kommen und nehmen ihn fest. Die Nazzis schleppen ihn auf die andere Straßenseite, wo das Gefängnis ist. Tails rettet Sonic und schickt ihn mithilfe seiner Zeitreisetechnologie ins alte Ägypten. Er schimpft mit ihm, dass er seinen Auftrag so früh schon verpatzt hat. Sonic geht in eine Pyramide ("a permaid"). Dort sind Gemälde an der Wand, und auf einem goldenen Thron sitzt ein Typ, der wie ein König aussieht. Es ist King Tunt, der Pharao ("farrow") von Ägypten. King Tunt weist Sonic darauf hin, dass er einer jener Igel sei, die sich in einen Drachen verwandeln können. Allerdings muss er, um ein Drache zu werden, denjenigen in seiner Ahnenreihe finden, der nicht cool genug ist. Beeindruckt kehrt Sonic aus dem alten Ägypten zurück. Sie suchen nach dem uncoolen Vorfahren von Sonic. Tails findet die Person und schickt Sonic zu ihr. Glücklicherweise ist es nicht Hitler, Sonic machte sich schon Sorgen. Es ist ein Mädchen. "Hey, wer bist du?", fragt Sonic. "Ich bin Anne Frank" ("said the girl who was actually Anne Frank"). Sonic hat schon von ihr gehört. "Wirklich? Wow!", sagt Anne. Sonic erklärt ihr, dass er mit ihr verwandt ist. Anne sieht traurig aus, sie wohnt ganz allein auf einem Dachboden. Kein Wunder, dass sie uncool sei, sagt Sonic, sie lebe immerhin auf diesem Dachboden. "Ich hab Angst vor den Nazzis", sagt Anne. "Du musst dich deinen Ängsten stellen", erklärt Sonic. Er sagt ihr, sie solle der Welt zeigen, wer sie wirklich sei. "Wow, ich verstehe", sagt Anne: "Ich bin nicht einfach Anne Frank. Ich bin Anne Frank the Hedgehog!"

Brechen wir die Zusammenfassung hier ab. Natürlich wird am Ende Hitler besiegt, und Sonic und Tails bekommen die Bestnote in Geschichte. Es ist unglaublich dumm, aber zugleich ist es schwer, wegzusehen. Texte wie dieser besitzen die Anziehungskraft von Tatortfotos. Und sie existieren zu Hunderten. Was fängt man an mit diesen Schaumkronen greller Absurdität? Wer Narrenfreiheit sehen will, dem fliegt sie hier um die Ohren. Natürlich gibt es auch eine ungesunde Faszination des Intellektuellen für die Manifestationen vollkommener Gedankenlosigkeit, die ihm vielleicht als unbeschwerte Halbtugend erscheint, aber ich glaube, in diesem Fall ist es etwas anderes.

Es wäre gelogen, zu behaupten, dass man sich bei der Lektüre von AFFF nicht gelegentlich ertappt fühlt. Jeder hatte schon mal solche albernen Rettungsfantasien über intervenierende Superhelden. Und jeder, der versucht hat, historische Begebenheiten in Fiktion zu verwandeln, kennt das Schuldgefühl, das sich dabei einstellt. Man ist beteiligt an einem Projekt der Enteignung und Verwertung. Die Lebensspuren einer toten Person werden in etwas verwandelt, das andere bewegen und unterhalten soll.

Am Kriegsende 1945, als die Rote Armee sich seinen Fabrikanlagen näherte, überließ Oskar Schindler die Fabrik den von ihm beschäftigten und so vor dem Tod geretteten Juden und floh, in der Hoffnung, sich den Amerikanern ergeben zu können. Die Arbeiter überreichten ihm einen unterschriebenen Brief, in dem sie ihn als ihren Retter identifizierten, und einen Goldring, gegossen aus drei Zahnfüllungen eines Arbeiters. In den Ring war die hebräische Inschrift "Wer das Leben eines Menschen rettet, rettet die ganze Welt" eingraviert. Diese Szene ist historisch verbürgt. Steven Spielberg lässt seinen Film Schindlers Liste mit ihr enden.

Es ist ein eigenartiges Erlebnis, sich diese Szene wieder anzusehen, nachdem man das grelle Nervengift AFFF durch sein Bewusstsein gejagt hat. Leichte Nervosität entsteht, wo früher schlichtes Bewegtsein war. Die Musik, die Kameraeinstellungen, das etwas opernhafte Rezitativ, die Art, wie Ben Kingsley den Ring in Zeitlupe hochhält und präsentiert, das Feierliche. Ich habe die Unschuld verloren, diese Szene als Bericht über ein bemerkenswertes Ereignis zu sehen. In einem finsteren Winkel meines Bewusstseins erscheint sie mir nun ebenfalls wie Fanfiction, als eine Art Cross-over von biblischer Exodus-Erzählung und den historischen Berichten über die "Schindlerjuden" (wie sie sich selbst mit Stolz nannten).

Freilich ist diese Sicht übertrieben. Es ist die Nachwirkung der AFFF-Lektüre, die eine Störfrequenz aussendet gegen jede Form von Zufriedenheit mit der "künstlerischen Bewältigung" der Vergangenheit. Selbst meine Bewertung eines Romans, den ich bei der Erstlektüre noch für recht gelungen hielt, Die Wohlgesinnten von Jonathan Littell, liegt nun in einem völlig anderen Licht. Ich sehe jetzt fast nur noch den kindischen Wunsch des Autors, eine Art Hannibal-Lecter-Figur in SS-Uniform zu schaffen, den Versuch einer "Rettung ins Monsterhafte". Max Aue, die dämonische Hauptfigur des Romans, ist ein in virtuose Rhetorik gekleideter Bond-Bösewicht. Ich kann das nicht mehr lesen, es ist zu sehr wie AFFF. Ich sehe, wie es gemacht ist.