Diese Fonds mit den drei Buchstaben sind schon eine tolle Sache. Sie erlauben es Anlegern, sich an allen möglichen Märkten zu engagieren, ohne dass sie die Aktien oder Anleihen dort einzeln kaufen müssen – und sie können die Fonds jederzeit abstoßen. Man kauft ein Stück des großen Kuchens, und wenn einem das Stück nicht mundet, reicht man es weiter. So zumindest wird es Anlegern erzählt. Obwohl das mit dem Weiterreichen nicht immer klappt.

Die Rede ist von ETFs, Exchange Traded Funds. Das sind Fonds, die einen Markt abbilden und dessen Entwicklung passiv nachvollziehen. Hierfür orientieren sie sich am jeweiligen Leitindex und bilden diesen exakt nach. An der Frankfurter Börse etwa kaufen sie Aktien genau so, wie es der Zusammensetzung des Deutschen Aktienindex (Dax) entspricht. All dies geschieht automatisch und fein austariert. Anteile an ETFs werden an der Börse gehandelt, Anleger können sie selbst kaufen und verkaufen, zu relativ geringen Gebühren. Fast immer sind ETFs günstiger als klassische Fonds, wo Manager aktiv entscheiden, welche Einzelaktien sie mögen und welche nicht.

ETFs sind der Abschied von der Idee, bei der Geldanlage besser sein zu wollen als der Markt. Sie folgen dem Markt, streuen das Geld und gelten als risikoarm. Das zieht: Kaum noch eine Anlageberatung kommt ohne sie aus; weltweit haben Investoren schon fast drei Billionen Dollar in ETFs gesteckt. Damit haben die neuen Fonds mit den Hedgefonds gleichgezogen.

Doch in der Verlockung steckt auch ein Risiko. Denn wegen der immensen Nachfrage werden ETFs inzwischen für alle möglichen Märkte aufgelegt. Gab es sie anfangs nur für den berühmten amerikanischen Dow-Jones-Index oder den Dax, so existieren heute auch ETFs für die griechische, die ägyptische oder die chinesische Börse. Und die Nackenschläge, welche diese Märkte jüngst erlitten haben, legen eine Schwachstelle der Papiere offen, an die im Normalfall niemand denkt: Was passiert mit ETFs, wenn der ihnen zugrunde liegende Markt nicht mehr funktioniert, in Teilen ausgesetzt wird oder wochenlang geschlossen ist? Verwandelt sich der vermeintlich so sichere Fondsanteil dann in ein Spekulationspapier – eine Art Schwarzer Peter, den der Inhaber gar nicht mehr loswird?

In Ägypten war die Börse 2011 zwei Monate lang geschlossen. In China wurde jüngst der Handel von mehr als der Hälfte aller Aktien ausgesetzt. Und in Griechenland stoppte der Staat das Geschäft an der Athener Börse wochenlang komplett. Gerade dieser Fall zeigt exemplarisch, welche Kapriolen Besitzer von ETFs erwarten, wenn ein Markt, ja ein ganzes Land, in die Krise gerät.

Ende Juni reagierte das Finanzministerium in Athen auf das Chaos in den Verhandlungen mit der EU – und setzte den Handel aller Aktien und Anleihen aus. Den ganzen Juli lang blieb die Athener Börse dicht. Wer griechische Aktien verkaufen wollte, musste genauso warten wie derjenige, der gern eingestiegen wäre, weil er an eine Erholung des Landes glaubte,

Parallel mussten auch alle anderen europäischen Börsen ihren Handel mit griechischen Aktien und Anleihen sofort stoppen. So verlangen es die Regeln der EU. Sie sollen verhindern, dass Spekulanten die wackelige Situation eines Landes ausnutzen und Kapitalflucht die Stabilität des Finanzsystems unterminiert.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 32 vom 06.08.2015.

Nun gibt es auch einen ETF, der die Kursbewegung der 25 größten in Athen gehandelten Aktienwerte abbildet: von der Alpha Bank bis zu Titan Zement. Er wird herausgegeben von Lyxor, einer Tochter der französischen Bank Société Générale, und er ist der einzige ETF, mit dem sich Anleger in Europa am griechischen Markt engagieren können. Viele haben das auch getan, für insgesamt 200 Millionen Euro. In New York konnten sich Anleger ein Produkt des US-Anbieters Global X zulegen.

Was geschah mit den beiden Wertpapieren, als die Börse in Athen dichtmachte? Die Berechnung des Börsenindexes, der Lyxors Fonds zugrunde liegt, endete. Lyxor setzte daher Ende Juni die Ausgabe und Rücknahme von Anteilen aus: "im Interesse unserer Anteilinhaber". Die Börsen Frankfurt, Düsseldorf, München, Berlin, Mailand, Paris und London folgten dieser Einschätzung und setzten den Handel aus. Der letzte Kurs wurde in Frankfurt am 29. Juni gestellt: 0,96 Euro je Anteil. Der Handelsstopp war konsequent, denn der ETF sollte die Bewegung des griechischen Marktes nachvollziehen. Und wenn der geschlossen ist, gibt es nichts nachzuvollziehen. Für den Anleger heißt das aber: Er bleibt auf seinen Papieren erst einmal sitzen.