Ich lernte Athena kennen, als ich auf einem kleinen Flohmarkt in einer Bar ein rotes Kleid kaufte. Die Bar war nach dem Londoner Szenebezirk Hoxton benannt, befindet sich aber in Athen; sie hat unverputzte Wände, freigelegte Rohre und ein DJ-Pult, den universellen Look der Jugendkultur also. Athena hatte dort zusammen mit drei Freundinnen ein paar Stände mit selbst geschneiderter Kleidung, Schmuck und Taschen aufgebaut.

An jenem Samstagnachmittag Ende Juli war ich die einzige Kundin. Die Hitze hatte die Menschen an den Strand oder auf die Inseln getrieben; die, die in der Stadt geblieben waren, hielten die 60 Euro, die sie täglich abheben durften, ängstlich zusammen. Während mir Athena eine Rechnung für 25 Euro schrieb, fragte sie mich, woher ich komme. Aus Deutschland, antwortete ich. Sie schaute auf: "Mein Herz hat gerade aufgehört zu schlagen."

Ich konnte die Gedankenkette an ihrem Gesicht ablesen: Deutschland-Schäuble-Sparmaßnahmen-Unterdrückung.

Seit der Brüsseler Einigung für ein neues Sparpaket habe ich griechische Taxifahrer und Minister erlebt, die in lange Wutreden über die Bundesregierung und ihre Zerstörung Griechenlands/Europas/der Mitmenschlichkeit verfallen sind. Die Syriza-Regierung hat sich über das neue Hilfspaket entzweit, die Wirtschaft ist eingefroren, Freunde und Verwandte haben sich darüber zerstritten, ob es die Rettung oder der Untergang sei. In Berlin hingegen herrscht der Eindruck, dass sich die Lage in Griechenland nun beruhigt habe.

"Was machst du in Athen?", fragte Athena.

"Ich will einen Artikel darüber schreiben, wie die Krise das Leben der Griechen verändert."

"Okay, wir können reden."

Die griechische Krise ist von Bildern von verzweifelten Rentnern geprägt, die vor geschlossenen Banken warten. Und von dem trotzigen Premierminister Alexis Tsipras, der den Europäern "Erpressung" vorwirft. Zusammen ergeben diese Bilder das Image eines europäischen failed state, in dem Menschen hungern, lebenswichtige Medikamente fehlen und die Politiker durchgedreht sind. Oft wird dabei übersehen, dass es in Griechenland immer noch eine urbane Mittelklasse gibt. Talentierte junge Menschen, die eine Hoffnung für dieses Land sind. Wie sehen sie ihre Zukunft hier? Und was denken sie über Deutschland?

Athena ist nach der gleichnamigen Tochter von Zeus benannt, der Göttin für Weisheit und Kriegsführung. Sie trägt zerrissene Jeans zu einem Retroshirt aus ihrer Kollektion, roten Lippenstift und einen Haarreif. Um ihr rechtes Handgelenk windet sich eine eintätowierte gestrichelte Linie; da, wo die Pulsadern sind, sieht man eine Schere.

Sie, die Tochter einer Schneiderin, begann mit 17 Geologie zu studieren, um ihren Eltern den Wunsch einer Akademikerkarriere zu erfüllen. Mit 19 hielt sie zum ersten Mal eine Euro-Münze in der Hand. Sie erinnert sich daran, dass damals die Preise stiegen und sie die Erwartung hatte, nach ihrem Studium einen Job in der Forschung zu finden. Die 31-Jährige gehört – wie ich – zu der Generation, die mit dem Europäischen Traum erwachsen geworden ist. Dem Traum, dass wir es besser haben würden als unsere Eltern.