DIE ZEIT: Herr Genscher, Sie galten bislang als großer Verteidiger Ostdeutschlands und insbesondere Ihres Heimatlandes, Sachsen-Anhalt. Wäre es nun an der Zeit, Ihren Landsleuten ins Gewissen zu reden?

Hans-Dietrich Genscher: Ihre Gewissensstärke haben sie bei der friedlichen Freiheitsrevolution unter Beweis gestellt. Ihnen muss ich nicht ins Gewissen reden, allenfalls muss ich sie gegenüber Vorurteilen in Schutz nehmen.

ZEIT: Viele beängstigende Nachrichten kamen zuletzt aus Ostdeutschland, auch aus Sachsen-Anhalt: Im März trat in Tröglitz der Bürgermeister nach Drohungen von Neonazis zurück, dann brannte dort ein geplantes Asylbewerberheim. Aber das war nur der Anfang. Immer wieder sind in jüngster Zeit Asylunterkünfte angezündet worden. Das klingt doch alles ziemlich beunruhigend.

Genscher: Ich verurteile jede Brandstiftung, jeder neue Fall entsetzt mich. Wo er stattfindet, ist nicht wichtig, schlimm ist, dass so etwas stattfindet. Und es ist schlimm, was im Frühjahr in Tröglitz geschehen ist, aber es würde mir nie einfallen zu sagen: Das war typisch Sachsen-Anhalt. Das hätte auch woanders passieren können. Leider zeigt sich das auch: In letzter Zeit kamen solche Meldungen auch aus anderen Teilen der Bundesrepublik.

ZEIT: Nur passiert es inzwischen gerade in Ostdeutschland überproportional häufig, dass Neonazis Politiker bedrohen, dass Asylbewerberheime angegriffen werden.

Genscher: Wollen Sie das angesichts der Meldungen der jüngsten Zeit wirklich noch aufrechterhalten? Noch einmal: Das ist schlimm, wirklich schlimm. Wissen Sie, immer wenn ich eine Meldung über einen Anschlag auf ein Asylbewerberheim lese, stehen vor mir die Bilder meiner Kindheit: brennende Synagogen und zerstörte jüdische Ladengeschäfte. Aber die Meldungen der jüngsten Zeit besagen, das gibt es auch im Westen. Und wir müssen alles dafür tun, dass Flüchtlinge sicher in unserem Land leben können. Wollen Sie vergessen, was in Westdeutschland alles passiert ist? Wie lange der Westen sich mit Ultrarechten herumschlagen musste? Da gab es die Rechtspartei, die Deutsche Reichspartei, die NPD saß in vielen Länderparlamenten. Ich erinnere mich noch daran, welche rassistischen Töne in den frühen Fünfzigern in der Bundesrepublik zu hören waren. Bisweilen fühlte ich mich zurückversetzt in alte, finsterste Zeiten. Verstehen Sie: Sicher hat der Osten ein Rechtsextremismus-Problem, aber der Westen weiß nur zu gut, wie sich das anfühlt. Er sollte nicht schulmeisterlich auftreten – tut er ja auch nicht.

ZEIT: Manchmal entsteht der Eindruck, nicht mehr die Rechtsextremisten sind das größte Problem, sondern der Rest der Bevölkerung ist es, der lieber schweigt, der Neonazis gewähren lässt, der nicht gern zur Wahl geht. Kurzum: der offensichtlich mit der Demokratie fremdelt. Ist das so?

Genscher: Nein, meine Erfahrungen sind andere. Das konnten Sie in Tröglitz beobachten. Der Bürgermeister dort hat sich zur Wehr gesetzt. Er ist zurückgetreten und hat öffentlich erklärt, warum. Dass dieser Mann nichts beschönigt, nichts verschwiegen hat, das hat mir großen Respekt abgerungen. Er hat erkannt: Aufgepasst, hier passiert etwas, das über Tröglitz hinausweist. Und deswegen gehe ich an die Öffentlichkeit – was bisweilen, das wissen Sie, auch ein großes Opfer sein kann.

ZEIT: Er wollte seine Familie schützen.

Genscher: Das hätte er auch auf andere Weise tun können. Er hätte behaupten können: Ich ziehe mich aus persönlichen oder beruflichen Gründen zurück. Das wäre bequem, aber durchaus auch verständlich gewesen.

ZEIT: Forscher der Uni Leipzig haben ermittelt, dass 42 Prozent der Menschen in Sachsen-Anhalt ausländerfeindlich denken. Wie erklären Sie die Ergebnisse dieser Studie?

Genscher: Ich kenne die Umfrage nicht. Das von Ihnen genannte Ergebnis verwundert mich sehr. Natürlich müsste man die Umfrage sehen, um sie richtig interpretieren zu können. In mein Bild meines Heimatlandes passt es nicht. Sachsen-Anhalt ist seit eh und je die Heimat freien Denkens. Für das freie Denken sind die Menschen bei uns aufgestanden bis in den Widerstand gegen das "Dritte Reich" hinein, aber nicht für Rassismus und Minderheitenunterdrückung. Die Aufklärung hatte hier einen Schwerpunkt und soziales Aufbegehren auch. Thomas Müntzer kam aus dem heutigen Sachsen-Anhalt. Martin Luther lebte und starb in unserem Land. Bis 1933 war Magdeburg eine Hochburg der Sozialdemokratie. Die Spuren von Ernst Reuter, Erich Ollenhauer und Otto Brenner führen nach Sachsen-Anhalt, und auch die Liberalen waren hier gut vertreten. In Halle gab es für die Liberalen stets eine starke Anhängerschaft. In der ersten, noch bedingt freien Kommunalwahl 1946 stellten die Liberalen die stärkste Fraktion im Stadtrat. Halle war ein Zentrum des Arbeiteraufstandes vom 17. Juni 1953 in der DDR. Solche Wurzeln bleiben.