ZEIT: Sie sind 1927 in Reideburg, heute ein Stadtteil von Halle, geboren und gingen 1952 in die Bundesrepublik. Später, auch in Ihrer Zeit als Außenminister, haben Sie immer wieder von Halle geschwärmt, selbst vor den Vereinten Nationen. Woher kommt Ihre Liebe zu dieser Stadt?

Genscher: Die Verbindung von Arbeit, Wissenschaft, Kultur gab Halle einen besonderen Charme und Charakter. Nicht zu vergessen: In Halle wurde die erste Frau in Deutschland Doktor der Medizin, Dorothea von Erxleben. Und das schon am 6. Mai 1755. Freiheit bedeutete für unsere Stadt immer sehr viel. Ich bin Menschen unterschiedlicher Denkungsart begegnet. Ein Beispiel: Als ich im Herbst 1944 zum Arbeitsdienst in Frauenstein im Erzgebirge eingezogen war, begegnete ich dort einem jungen Mann mit dunklem krausem Haar, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Stalin hatte. Wir nannten ihn scherzhaft "Stalin", und zu meiner Verwunderung hatte er nichts dagegen. Eines Abends vertraute er mir unter vier Augen an, dass man ihm mit dem Spitznamen Stalin eine Freude bereite, denn er sei Kommunist und werde, wenn er Soldat sei, zur Roten Armee überlaufen. Ich fragte ihn: "Denkst du denn, dass das rote System besser ist als das, was wir jetzt haben?" Da sagte er: "Ja, der Kommunismus ist die Zukunft. Und was bevorzugst du?" Ich antwortete: "Ich möchte für unser Land ein politisches System haben so wie in England oder Amerika."

ZEIT: Davon haben Sie geträumt, im Winter ’44?

Genscher: Ja, zuerst vom Frieden in Demokratie und von einem neuen Anfang. Die einen träumten von Demokratie; manche machten sich keine Gedanken über das, was kommt, und "Stalin" träumte von Stalin. Jahrzehnte später entdeckte ich "Stalin" in der Zeitung. Er war in der DDR Mitglied des Politbüros der SED geworden. Sie wissen, wie kritisch ich der SED gegenüberstand, aber auf irgendeine Weise habe ich mich damals doch für uns beide gefreut: Wir waren uns treu geblieben. Er, der Kommunist, und ich, der eine Demokratie à la England oder den USA wollte. Wir haben politisch das umgesetzt, was wir uns als 17-Jährige im Erzgebirge ausgemalt hatten.

ZEIT: Was ist aus "Stalin" geworden?

Genscher: Ich hätte ihn gern getroffen, aber er ist im März 1990 gestorben.

ZEIT: Es heißt, Sie hätten sich nach dem Mauerfall für ostdeutsche Interessen engagiert und wären aus Unzufriedenheit über den Aufbau Ost beinahe zurückgetreten. Stimmt das?

Genscher: Darüber nachgedacht hatte ich. Ich habe mir damals große Investitionen in neue Produktionsstätten gewünscht und zudem den Aufbau wissenschaftlicher Zentren. Ich gehörte zu denen, die von den Förderungsmaßnahmen nicht nur neue Ladentische verlangten, sondern vor allem neue Schraubstöcke und Labors.

ZEIT: Sie konnten sich damit nicht durchsetzen.

Genscher: In der Tat. Das ist einer der Gründe, warum die neuen Länder wirtschaftlich noch nicht so aufgeholt haben, wie wir uns das dachten. Aber das können wir ihnen nicht vorwerfen.

ZEIT: Sie haben sich einmal darüber beklagt, dass Sachsen-Anhalt ökonomisches "Schlusslicht" der neuen Länder geworden sei. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum das so kam?

Genscher: Sachsen-Anhalt hatte ohnehin andere Startbedingungen als die vier anderen sogenannten neuen Länder. In diesen war am Anfang die Identifikation mit dem Land nach meinem Gefühl stärker. Mecklenburg, Brandenburg, Thüringen und Sachsen waren Länder mit alter Tradition. Sachsen-Anhalt war zum größten Teil aus der preußischen Provinz Sachsen hervorgegangen. Schwierig war außerdem, dass es in Sachsen-Anhalt zwar eine umfangreiche chemische Industrie gab, die sich aber als nicht mehr zeitgemäß herausstellte. Das führte zu einer großen Belastung des Arbeitsmarktes. Hinzu kam noch, dass es nach 1990 am Anfang zu viele Personalwechsel an der Spitze der Landesregierung gegeben hat.

ZEIT: Muss sich Sachsen-Anhalt daran gewöhnen, Schlusslicht zu bleiben?

Genscher: Ich bezweifle, dass es noch Schlusslicht ist.

ZEIT: Nie habe es einen linkeren Genscher gegeben als nach der Einheit, lautete ein Kommentar Anfang der neunziger Jahre. Stimmte das?

Genscher: Ich bin ein Liberaler, das ist entscheidend. Soziale Fragen haben für mich stets eine große Rolle gespielt. Und vielen war nicht klar, wie viel es im Osten aufzuholen gab. Für Westdeutsche, die sich vorher mit der Lage in der DDR kaum befasst hatten, war das schon möglich.

ZEIT: Sie sollen schon im Jahr 1988 eine vage Vorahnung davon gehabt haben, dass sich in der DDR etwas Grundlegendes verändern werde.

Genscher: Ich sagte Eduard Schewardnadse, dem sowjetischen Außenminister, und auch bei anderer Gelegenheit den europäischen Außenministern: Da braut sich etwas zusammen. Und zu Schewardnadse fügte ich hinzu: Sie wissen, wie sehr ich mich für die Zusammenarbeit mit Ihrem Land einsetze, aber es darf sich niemals wiederholen, dass wie am 17. Juni 1953 sowjetische Panzer auf deutsche Mitbürgerinnen und Mitbürger schießen.

ZEIT: Wie kamen Sie darauf, dass die Stimmung in der DDR kippte?

Genscher: Früher habe ich mir einmal geschworen: Solange du Politik machst, stehst du im Telefonbuch. Damit die Leute dich anrufen können. Und es ist ganz erstaunlich, wie viele das taten. Insbesondere ehemalige DDR-Bürger, die ausgereist waren, oder Besucher aus der DDR riefen bei mir an.