ZEIT: Was sagten die?

Genscher: "Hallo Herr Genscher, machen Sie weiter so, hauen Sie mal richtig auf den Tisch." Schon 1987, 1988 merkte ich, wie sich im Ton etwas veränderte. Die Leute wurden immer offener und emotionaler. Ich hatte es vorhin ja erwähnt: Es gibt in meiner Heimat eine große revolutionäre Tradition, das wusste ich, und das zeigte sich 1989.

ZEIT: Das Land hat im vergangenen Jahr das Jubiläum des Mauerfalls gefeiert, aber Sie waren öffentlich kaum zu sehen. Warum?

Genscher: Weil mich leider eine Krankheit am Reisen gehindert hat. Sie können sich vorstellen, ich hätte sehr gern an den Feierlichkeiten teilgenommen, aber eine Herzoperation machte das unmöglich.

ZEIT: Wie geht es Ihnen inzwischen – werden Sie bei den Einheitsfeierlichkeiten in diesem Jahr dabei sein können?

Genscher: Wahrscheinlich ja, ich bin guter Dinge, auch wenn ich lange gebraucht habe, um mich zu erholen. Ich war schon sehr oft schwer krank, und immer waren sich die Ärzte nicht sicher, ob ich durchkomme. Als junger Mann litt ich unter Tuberkulose, drei Jahre verbrachte ich in Sanatorien. Ein Arzt war es, der zu mir ans Bett kam und sagte, nur ich und mein Wille könnten die Krankheit besiegen. Er sagte damals auch den wichtigsten Satz meines Lebens: Du darfst deine Krankheit nie als Ausrede benutzen.

ZEIT: 1989, als Sie mit der DDR über die Ausreise Tausender Botschaftsflüchtlinge verhandelten, sollen Sie auch schwer krank gewesen sein.

Genscher: Ich hatte einen Herzinfarkt im Sommer 1989. Aber ich konnte mir keine Ruhepause gönnen. Es waren ja mehrere Tausend DDR-Bürger in der Prager Botschaft. Ich ahnte damals, dass dies eine historische Chance sein könnte, die DDR-Führung zum Umdenken zu bewegen. Dann fand die UN-Vollversammlung in New York statt. Dort sah ich eine Chance für direkte Gespräche mit Eduard Schewardnadse und Oskar Fischer, dem DDR-Außenminister. Meine Ärzte waren gegen diese Reise. Aber dann flog ich doch, begleitet von zwei Kardiologen. Ich fand in Eduard Schewardnadse, aber auch in DDR-Außenminister Oskar Fischer verständnisvolle Gesprächspartner. Es hat sich gelohnt, dass ich trotz Problemen nach New York geflogen bin. Das Ansinnen der DDR, die Botschaft für Flüchtlinge oder ganz zu schließen, habe ich abgelehnt.

ZEIT: Fühlen Sie sich heute, ein Vierteljahrhundert später, eigentlich genug gewürdigt?

Genscher: Mir ging es nicht um Würdigung, sondern um die Hilfe für Menschen in Not. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass ich die deutschen Landsleute, die in unsere Botschaften geflohen waren, zwangsweise entferne oder ihnen den Eingang von vornherein verwehre. Ich ließ deshalb der DDR-Führung mitteilen, es sei schon schlimm genug, dass in Berlin eine Mauer stehe, ich sei nicht bereit, um unsere Botschaften herum eine Mauer zu bauen.