Am Ende blieb Heiko Maas keine Wahl. Er musste tun, was ihm wesensfremd ist, worüber er zwar in den vergangenen Wochen stets nachgedacht hatte, wovor er aber in letzter Konsequenz immer wieder zurückschreckte: Er musste einen umhauen, aus dem Weg räumen, ihm sagen: Hau ab, Du hast fertig! Am frühen Dienstagabend war es dann so weit, der Justizminister Maas feuerte seinen Generalbundesanwalt Harald Range. Ein Anti-Machtmensch war zum Getriebenen seiner Zögerlichkeit geworden.

Das öffentliche Bild des Spitzenpolitikers ist geprägt von der Vorstellung des Machtmenschen, des rücksichtslosen Egomanen, der auf seinem Weg nach oben alles und jeden wegräumt, der ihm gefährlich werden könnte oder einfach nur blöd kommt. Die Politik erscheint in diesem – von den Medien kräftig mitgezeichneten – Bild als ein Kampf der Alphatiere, bei dem es nur Sieg oder Niederlage gibt, nur Aufstieg oder Fall, nur Macht oder Ohnmacht. Politik als shakespearisches Königsdrama, bei dem in jedem Helmut Kohl, in jedem Gerhard Schröder, in jedem Sigmar Gabriel ein kleiner Macbeth steckt – und in jeder Angela Merkel (nur versteckt sie ihn besser). Wie muss man sich verhalten, wenn man unter all die Macbeths als Hamlet gerät? Als ein eher scheuer, zurückgenommener Mensch, der zweifelt, ob er sein Schicksal ertragen oder sich dagegen wehren soll? Als einer, der schwankt zwischen der Treue zu sich selbst und den Ansprüchen, die andere, vor allem seine Förderer und Ziehväter, an ihn stellen?

Muss also ein Anti-Alpha-Politiker wie Maas die gängigen Regeln übernehmen, um respektiert zu werden? Sich unterwerfen, um am Hof bleiben zu dürfen? Oder kann es ihm gelingen, mitzuspielen und zugleich seinen eigenen Stil und die eigenen Werte zu bewahren? Und wenn er dies versucht: Wo liegt dann die Grenze zwischen Loyalität und Servilität? Wo die zwischen Besonnenheit und einer vollen Hose? Schaut man auf Heiko Maas, so finden sich Antworten auf diese Fragen.

Maas wollte partout nicht Druck auf die Justiz ausüben

Maas versteht sich als politischer Justizminister: Er will die Gesellschaft durch Gesetze gestalten, sie etwa mithilfe der Homo-Ehe oder einer grundlegenden Reform des Mord-Paragrafen aktiv verändern, anstatt – wie es so viele andere in diesem Amt getan haben – den gesellschaftlichen Wandel bloß nachträglich notariell zu beglaubigen.

Der vorwärtsstrebende Gestalter Maas kontrastiert mit dem machtpolitischen Zögerer Maas. Die Rolle des Anti-Politikers hat der 48-Jährige so sehr verinnerlicht, dass er sich zuweilen in tiefer Grübelei verliert – und das mit Besonnenheit verwechselt. Muss ein Verfassungsminister die Unabhängigkeit der Justiz selbst dann so lange wie möglich wahren, wenn ein Generalbundesanwalt sich gerade verrennt – oder muss er als weisungsberechtigter Dienstherr sofort eingreifen? Die hohe Kunst eines entschlossenen Justizministers, so raunt es aus Karlsruhe, bestehe darin, es gar nicht erst zu einer Weisung kommen zu lassen – er macht auf kurzem Dienstweg klar, was er erwartet.

Im Konflikt mit Harald Range ging es um ganz Großes: um Staatsgeheimnisse, um Landesverrat, um Pressefreiheit. Als der Generalbundesanwalt gegen zwei Blogger der Internet-Plattform netzpolitik.org ermitteln ließ, verspürte Maas, wie er öffentlich wissen ließ, "Zweifel" am schweren Vorwurf des Landesverrats. Diese Zweifel hauchte er aber so zart in Richtung Karlsruhe, dass sie dort nie gehört wurden – geschweige denn das verklausulierte Nein zu einem Ermittlungsverfahren, das sich dahinter verbarg. Klare Ansage auf kurzem Dienstweg sieht nicht nur anders aus – sie hört sich vor allem auch anders an.

Doch Maas, der sich so gern besonnen und zurückhaltend zeigt und dies als politische Stärke empfindet, wollte sich partout nicht den Vorwurf einhandeln, Druck auf die Justiz auszuüben. In der Öffentlichkeit jedoch ließ ihn sein Zögern, Range rechtzeitig zurückzupfeifen, als schwach dastehen, als Möchtegern-Aufräumer und Weisungsverweigerer.

Der Vorwurf der unzulässigen Einflussnahme, den er um jeden Preis vermeiden wollte, stand kurz darauf trotzdem im Raum – erhoben von Range selbst. Die ätzende Kritik des Untergebenen Range konnte sich selbst ein Heiko Maas nicht gefallen lassen: Er musste ihn feuern. Hätte Maas nicht so lange gewartet, sondern Range rechtzeitig gebremst, hätte der wohl schneller begriffen, wer hier Minister ist und wer Staatsanwalt.

Mit der Entlassung Ranges kann Maas, der Durchgreifer wider Willen, nun wieder in jene Rolle schlüpfen, die einem SPD-Linken wie ihm ohnehin lieber ist: in die des nachdenklichen Reformers. Wenn das Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Landesverrat, wovon auszugehen ist, bald eingestellt wird, kann er sich auch daranmachen, diesen Strafrechtsparagrafen neu zu fassen. Das hat er bereits angekündigt, und dafür muss er noch nicht einmal einen umhauen.

Will man wissen, wie und wo das Maas’sche Schwanken zwischen Loyalität und Unterwürfigkeit, zwischen Treue zu sich selbst und Treue zu den Ziehvätern begann, kommt man an einem Mann nicht vorbei: an Oskar Lafontaine. Maas begann seine politische Karriere als bis dato jüngster deutscher Minister: Mit gerade einmal 31 Jahren übernahm der Volljurist 1998 das Umweltressort im Saarland – unter dem Ministerpräsidenten Lafontaine.

Zwei Landtagswahlen später, 2004, trat Maas erstmals als Spitzenkandidat der Saar-SPD an. Sein Förderer Lafontaine agierte da längst als Ex-Bundesfinanzminister, Ex-SPD-Vorsitzender und selbst ernannter Chefankläger wider die Agenda 2010, Hartz IV und alle anderen Programme, auf denen der Name "Gerhard Schröder" stand.

Die Saar-Genossen drängten den wieder einmal zweifelnden Maas dazu, den im Land immer noch beliebten Lafontaine als Berater in sein Team aufzunehmen. Und Maas tat das, was er fortan sehr oft tun sollte: Er sagte Ja. Ein Nein zu Lafontaine, dem Prototyp des politischen Alphatiers, hätte ihm womöglich bei der Wahl geschadet, aber es hätte aus Oskars Zögling einen Politiker aus eigener Kraft gemacht. Dafür aber fehlte Maas damals der Mumm.

Lafontaine dankte es seinem Zögling, indem er drei Wochen vor der Wahl in einem Interview einen Frontalangriff auf die rot-grüne Bundesregierung fuhr und indirekt seinen Austritt aus der SPD ankündigte. Ein Dolchstoß, Maas verlor krachend. Fortan hieß er im Saarland nur noch "der Bub, der nit geschafft hat". Während Lafontaine zum Racheengel wurde, scheiterte Maas noch zwei weitere Male bei dem Versuch, Ministerpräsident zu werden. Die Brutalität, die Lafontaine im Übermaß besitzt, fehlt Maas ganz und gar. Das ist ein Zeichen menschlichen Anstands, aber in der Politik oft ein Defizit.

Unterhält man sich in diesen Tagen mit Leuten aus dem Umfeld von SPD-Chef Sigmar Gabriel, so muss man nur "Heiko Maas" sagen – und ihnen kommen fast die Tränen. Was für ein "toller Typ", welch "großartiger Mensch"! Wenn irgendjemand in der SPD allen Grund habe, so raunt es da, stinksauer auf Gabriel zu sein, dann Maas. "Und der Einzige, der es nicht ist, ist der Heiko."