War es wirklich notwendig, die Atombombe im Krieg gegen Japan einzusetzen? Über diese Frage wird seit Jahrzehnten debattiert. Ja, sagen die einen: Ohne die Vernichtung der beiden Städte Hiroshima und Nagasaki hätte das japanische Kaiserreich nicht so rasch kapituliert; eine Invasion des Kernlandes wäre dann unumgänglich gewesen und hätte ein Vielfaches an Opfern gekostet, unter den Soldaten und der Zivilbevölkerung.

Nein, sagen andere: Die Abwürfe, mindestens der auf Nagasaki, waren ein Kriegsverbrechen, begangen auf Drängen der Falken in Washington und einzelner US-Atomforscher, die ihre Bomben unter Kriegsbedingungen testen wollten. Dass die Auslöschung der zwei Städte kriegsentscheidend gewesen sei, gehöre ins Reich der Legende. Das Kaiserreich sei im Sommer 1945 am Ende seiner Kräfte gewesen. Mit einem entsprechenden amerikanischen Angebot hätte ein Frieden ausgehandelt werden können, ohne Einsatz der Bombe und ohne Invasion. Entscheidend für das Einlenken des Tenno sei überdies weniger der nukleare Doppelschlag gewesen als Stalins Kriegserklärung an Japan – einen Tag bevor Nagasaki dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Diese These hat sich nun der ARD-Journalist Klaus Scherer in seinem Buch Nagasaki: Der Mythos der entscheidenden Bombe zu eigen gemacht. Es ist glänzend geschrieben – so recht zu überzeugen weiß es nicht. Scherer beruft sich im Wesentlichen auf Gespräche mit zwei Historikern, dem Japaner Tsuyoshi Hasegawa und dem amerikanischen Oppenheimer-Biografen Martin Sherwin; beide kritisieren die US-Regierung scharf. Historiker, die ein ausgewogeneres Bild zeichnen, zitiert Scherer nur am Rande.

Ungeprüft übernimmt er stattdessen Aussagen wie die, es habe zwei Bomben gegeben, deshalb hätten sie auch beide fallen sollen. Richtig ist: Es gab bereits drei, weitere waren im Zulauf. Hohe US-Militärs, schreibt er, hätten den Bombenabwurf für unnötig gehalten. Gewiss: Aber unter hohen Militärs befinden sich immer auch Kritiker, vor allem im Nachhinein, und auf jeden Fall waren die obersten Befehlshaber anderer Ansicht. Schließlich: Japan sei schon vor Hiroshima vernichtend geschlagen gewesen. In der Tat war das Land weithin zerstört – doch blieben seine Militärs kampfentschlossen, selbst noch nach Nagasaki, wie sich aus den japanischen Quellen eindeutig ergibt.

Am 16. Juli 1945, dem ersten Tag der Potsdamer Konferenz, sprachen US-Präsident Harry S. Truman und der britische Premier Winston Churchill über den fernöstlichen Kriegsschauplatz. Churchill bot Truppen an, um den pazifischen Krieg zu beenden; auch Stalin zeigte sich zum Eingreifen bereit.

An ebendiesem Tag wurde auf dem Atomtestgelände im US-Bundesstaat New Mexico die erste Atomwaffe erfolgreich gezündet. Tags darauf bekundete Kriegsminister Henry L. Stimson Truman seine Zuversicht, dass "der kleine Junge" ebenso kräftig sei. Der kleine Junge, die Bombe Little Boy, war zu dieser Zeit bereits auf dem Weg zu der Marianeninsel Tinian. Von dort trat er am 6. August im Bombenschacht der B-29 Enola Gay den Flug nach Hiroshima an.

In Potsdam hatten Truman, Stimson und die US-Stabschefs lange darüber beraten, wie die Japaner auf die Knie zu zwingen seien. Drei Möglichkeiten erwogen sie. Die erste: Fortsetzung der Luftangriffe, bei denen mit Spreng- und Brandbomben bereits 60 Prozent der japanischen Städte zu fast zwei Dritteln zerstört worden waren. Die zweite: Landung auf den japanischen Inseln, beginnend im November mit Kyushu; dafür sollten 1,5 Millionen Mann bereitgestellt werden, von denen viele die verzweifelte Gegenwehr der Japaner nicht überleben würden. Nach den enormen Verlusten in den 82 Tagen der Eroberung der Insel Iwo Jima vor Okinawa (12.500 gefallene oder vermisste und 62.000 verwundete GIs; 131.500 tote Japaner) befürchtete man mit gutem Grund einen äußerst opferreichen Kampf. Die Staatsmänner entschieden sich für die dritte Möglichkeit: die Atombombe.

Präsident und Premier waren sich einig. Wie Churchill später schrieb: "Plötzlich schien uns das Mittel in die Hand gegeben, durch das sich das Gemetzel im Fernen Osten gnädig abkürzen ließ [...]. Es erschien uns als ein wahres Wunder der Erlösung." In der Potsdamer Erklärung vom 26. Juli stellten die Mächte Japan ein Ultimatum – unverzüglich zu kapitulieren oder aber "die volle Anwendung unserer militärischen Macht zu gewärtigen".

In Tokio war die Friedenspartei zwar erstarkt. Stark genug jedoch, eine Wende herbeizuführen, war sie nicht. Die Lage des Kaiserreiches sei sehr ernst, hatte Außenminister Shigenori Togo am 11. Juli an den japanischen Botschafter in Moskau gekabelt. Dieser sollte sondieren, inwiefern die Sowjetunion zur Friedensvermittlung eingeschaltet werden könne. Am 12. Juli fasste Togo nach: "Es ist Seiner Majestät ein Herzensbedürfnis, den Krieg schleunigst beendet zu sehen. Solange indessen Amerika und England auf bedingungsloser Kapitulation bestehen, hat unser Land keine andere Alternative, als durchzuhalten, um das Überleben und die Ehre der Heimat zu retten."

Noch aber hatten die Militärs das letzte Wort. Sie setzten auch durch, dass die Potsdamer Erklärung ignoriert wurde. Der Kampf sollte weitergehen.

Little Boy war die Antwort. Am 6. August um 8.16 Uhr explodierte die Bombe über der Aioi-Brücke in der Stadtmitte von Hiroshima. Im Umkreis von drei Kilometern versengte die Hitze – 2.944 Grad – alles Leben. Bei dem Angriff kamen laut japanischer Statistik 70.000 Menschen ums Leben. Nach fünf Jahren verzeichnete das Sterberegister 200.000 Opfer.